Rezension »Konfliktbearbeitung mit Teams und Organisationen« von Prof. Dr. Elisabeth Kals, erschienen 2012 in der „Zeitschrift für Arbeits- u. Organisationspsychologie“

Es gibt viel Literatur zur Analyse und Mediation von Organisationen. Auch die Autoren selbst haben hierzu die Edition Konfliktmanagement und Mediation mit Teams und Organisationen vorgelegt (Concadora Verlag, Stuttgart, 2010), die sehr gute Rezensionen bekommen hat. Diese Literatur wird nun durch den Lehrfilm ergänzt, der in innovativer und professioneller Weise ein neues Medium nutzt. Der Film zeigt anhand eines Praxisbeispiels die Methoden und Prozesse einer komplexen Organisationsmediation und wird durch ein Übungsheft begleitet. Das Beispiel basiert auf einer in dieser Form tatsächlich in der Praxis durchgeführten Mediation, wobei Daten und Details soweit verfremdet wurden, dass das ursprüngliche Unternehmen nicht mehr zu erkennen ist.

In diesem Film übernehmen Rudi Ballreich und Friedrich Glasl wie im „echten Leben“ auch die Rollen der Mediatoren. Die anderen Rollen wurden durch ein Unternehmenstheater professionell besetzt und gespielt. Es gibt kein festgeschriebenes Skript, sondern nur Szenenvorgaben, so dass sowohl das Handeln der Konfliktparteien als auch der Mediatoren spontan und echt erfolgt. Da die Filmproduktion mit professionellen Schauspielern(innen) für einen normalen Verlag zu teuer wäre, haben die Autoren für Produktion und Vertrieb ihren eigenen Verlag gegründet.

Beide Autoren, Rudi Ballreich und Friedrich Glasl, sind Experten auf dem Gebiet der Organisationsentwicklung, des Konfliktmanagements und der Mediation von Konflikten in Organisationen. Friedrich Glasl (Universitätsprofessor für Organisationslehre, Mediator und Mediationsausbilder BM) wird zu Recht als Pionier auf dem Gebiet der Organisationsentwicklung lind des Konfliktmanagements bezeichnet. Rudi Ballreich (Berater für Organisationsentwicklung, ebenfalls Mediator und Mediationsausbilder BM) bringt seine zahlreichen Erfahrungen und seine ganz besondere Expertise in der hohen Kunst der praktischen Mediation ein, wobei ihm bei diesem Filmprojekt auch seine Schauspielausbildung zugutekommt. In diesem Film fließen die besonderen Kompetenzfelder beider Autoren und ihre breiten Erfahrungen zusammen und ergänzen sich synergetisch zu einem herausragenden Gesamtwerk. Um dieses überaus positive Urteil nachvollziehbar zu machen, sei zunächst ein genauer Blick auf die Struktur und die Inhalte des Lehrfilms geworfen:
Der gesamte Lehrfilm basiert, wie gesagt, auf einem verfremdeten Beispiel. Das vorgestellte Unternehmen, in dem die Mediation stattfindet, wird als Zeltberger Kesse/werke bezeichnet. Es beschäftigt in vier Werken 2800 Mitarbeiter(innen). Die Arbeitsfelder umfassen Entwicklung, Konstruktion, Produktion und auch Montage, z. B. von Maschinen beim Kunden. Das Unternehmen gerät in Schwierigkeiten (u. a. Absatzschwierigkeiten, Liegenlassen von Reklamationen oder falsche Weiterleitung von Aufträgen), die auch auf schlechte Kommunikation zwischen den Abteilungen zurückgeführt werden konnten. Deshalb suchte das Unternehmen eine Unternehmensberatung auf und es wurde eine Reorganisation des Unternehmens geplant, um die Probleme zu lösen. Die Neugestaltung des Unternehmens umfasste die Einführung von relativ autonomen Divisions als integrierte Einheiten, die Auflösung der meisten Zentralabteilungen sowie die Einführung von Führungsteams mit einem kooperativen Führungsstil. Im Rahmen dieser Reorganisation traten jedoch Konflikte auf, die mithilfe psychologischer Mediation geklärt werden sollten. Im Zentrum des Ausschnitts der Mediationsarbeit, die im Film gezeigt wird, stehen dabei die Konflikte zwischen den Teams bzw. Abteilungen der Beschaffung und Produktion mit ihrer jeweiligen Abteilungsleiterin bzw. ihrem Abteilungsleiter.

Dieses Beispiel wird über die gesamte Spieldauer des Films beibehalten und zeigt so, wie sich die Konfliktlage in einem Unternehmen vor Beginn der Mediation darstellt, weiche Schritte und Prozesse bei der Mediation selbst ablaufen und weiche Gewinne schließlich durch eine erfolgreiche Mediation erzielt werden. Damit wird beispielhaft demonstriert, wie sich Konflikte in einem Unternehmen analysieren und kooperativ beilegen lassen. Dabei steht die Mediation, wie es in der Praxis oft der Fall ist, in engem Zusammenhang mit Organisationsentwicklung.

Auf den fünf DVDs werden in zeitlicher Reihenfolge und entsprechend der Phasen der Mediation in insgesamt 15 Szenen verschiedene Themen behandelt:
Die erste DVD beschäftigt sich mit Konfliktsituationen und dem Auftrag zur Mediation. Zunächst werden das Unternehmen und die handelnden Personen vorgestellt. Es folgt die Wiedergabe von konflikthaften Situationen, die illustrieren, weshalb diese Konflikte in dem Unternehmen dazu fuhren, dass eine professionelle Mediation durchgeführt wird. Entsprechend endet die erste DVD mit der Darstellung eines Erstgesprächs mit einem Mediator sowie der Auftragsklärung.

Nach dieser Auftragsklärung werden auf der zweiten DVD in zwei Szenen die verschiedenen Schritte der Mediationsarbeit zwischen den zwei Abteilungsleitern der Beschaffungsabteilung (Frau Kaufmann) und der Produktionsabteilung (Herr Jung) gezeigt. In der ersten Szene wird Konsens über die unerwünschte Zukunft erreicht; in der zweiten Szene werden negativ erlebte Emotionen aufgelöst und die Zusammenarbeit mithilfe des mediativen U-Prozesses geklärt. Dieser U-Prozess ist das Grundmodell des psychologischen Mediationsansatzes von Ballreich und Glasl und wird daher nicht nur im Film, sondern auch im filmbegleitenden Übungsheft erklärt. Das Modell umfasst sieben U-förmig angeordnete Schritte, auf deren tiefster Ebene die Klärung der verschiedenen Bedürfnisse steht. Der Film widmet jedem Schritt eine gesonderte Sequenz, die zeigt, wie sich das jeweilige Ziel in der Praxis erreichen lässt.

Nachdem die Vermittlung zwischen den Abteilungsleitern gelungen ist, wird die Mediation auf der dritten DVD auf der Ebene der Teams der Beschaffungs- und Produktionsabteilung fortgesetzt. Dabei werden unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse geklärt, Emotionen analysiert und wechselseitig anerkannt. Auf dieser Basis werden zum Abschluss Handlungsoptionen entwickelt und Vereinbarungen getroffen.

Auf der vierten DVD wird die Mediation zwischen den Teams fortgeführt. Zunächst lösen die beiden Teams ihre Feindbilder auf. Dazu werden die eigenen Selbst-und Fremdbilder (hier Feindbilder genannt) geklärt, miteinander ausgetauscht und Erklärungen für diese unterschiedlichen Wahrnehmungen erarbeitet, um so die wechselseitigen Stereotype und Vorurteile zu reflektieren und aufzulösen. In der anschließenden Szene findet keine Klärung von Gefühlen und Bedürfnissen der Teammitglieder statt, sondern die Mediatoren setzen direkt an der Veränderung der Verhaltensweisen an, die mit den Selbst- und Fremdbildern zusammenhängen. Dadurch wird deutlich, dass ein verhaltensorientiertes Verhandeln möglich ist, wenn erst einmal die feindlich gestimmten Fremdbilder aufgelöst worden sind. Dies ist inhaltlich sinnvoll und didaktisch klug, da die Klärung von Gefühlen und Bedürfnissen bereits gezeigt wurde, während die Veränderung der Verhaltensweisen ein bislang· noch nicht vorgestelltes, neues Ziel der Mediationsarbeit ist.

Die fünfte und zugleich letzte DVD demonstriert in vier Szenen, wie die Mediation zur Organisationsentwicklung wird: Zunächst geht es darum, Arbeitsabläufe zu optimieren, die sich in der bisherigen Mediationsarbeit als schwierig erwiesen haben. Dazu wird die kreative PIMMethode vorgestellt. Mit ihrer Hilfe werden generierte Lösungsideen nach Plus (P), Interessant (I) und Minus (M) unterschieden und anschließend gemeinsam diskutiert. In der nächsten Szene werden Vorschläge zur Verbesserung für die Reorganisation mit der U-Prozedur entwickelt. Dazu analysieren das Beschaffungs-und Produktionsteam gemeinsam mit dem Werkleiter den bisherigen Verlauf der Reorganisation und erarbeiten Verbesserungen. Die U-Prozedur von Lemson und Glasl basiert dabei auf einem Ist-Soll-Vergleich der Prozesse und Leitsätze, an dessen Basis die Frage nach der Bewertung der Leitsätze steht (Welche Leitsätze bzw. Mottos sollen beibehalten werden, welche sollen modifiziert und welche ganz verändert werden?). Nachdem die Streitthemen weitgehend aufgelöst und Lösungen gefunden wurden, geht es darum, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Auftauchende Schwierigkeiten werden thematisiert und geklärt, um dann den Blick auf weitere Verbesserungen zu richten. Entsprechend endet die Szene mit einer Standortbestimmung und dem Abschluss des Mediationsprozesses. In der letzten Szene des Lehrfilms kommen die verschiedenen Konfliktparteien auf Metaebene zu Wort und beschreiben ihre Höhepunkte und Lernerfahrungen in der Mediation. So macht der Film abschließend deutlich, dass Organisationsmediation nicht nur eine wirtschaftliche Methode der Konfliktlösung für die Organisation selbst ist, sondern dass sie zugleich viele positive Lernerfahrungen für die Medianten mit sich bringt, die zur Persönlichkeitsbildung beitragen.

Ein wichtiges Instrument zur Analyse des Films und zur Arbeit mit ihm ist das Begleitheft. Es ist als Übungsheft konzipiert und umfasst neun Kapitel: Nach einem Überblick über den Film (Kapitell) werden die Zeltberger Kesselwerke und ihre Reorganisation als Fallbeispiel vorgestellt (Kapitel 2). Anschließend werden Detailinformationen zu den einzelnen Szenen gegeben (Kapitel 3). Es schließt sich ein kurzer Theorieteil an, in dem der U-Prozess als Grundmodell der Mediation vorgestellt wird, wobei alle Phasen des Prozesses beschrieben und Bezüge zu den verschiedenen Filmszenen hergestellt werden (Kapitel 4). Die nachfolgende Beschreibung der speziellen Interventionsmethoden ist so detailliert, dass sie bei entsprechender Vorbildung direkt angewendet werden können, so z. B. die obig genannte kreative PIMMethode oder auch die U-Prozedurvon Lemson und Glasl (Kapitel 5). Danach werden Diagnoseübungen mit dem Film angeboten (Kapitel 6). Diese dienen z. B. dazu, die eigenen DiagnoseHihigkeiten zu schärfen, um seelische Veränderungen im Konfliktgeschehen bei den Medianten wahrzunehmen, um heiße von kalten Konflikten voneinander zu unterscheiden oder um treffsicher festzustellen, auf welcher Eskalationsstufe sich ein Konfliktgeschehen befindet. Im Mittelpunkt des nächsten Kapitels steht die Beobachtung der Mediatoren im Film, also der Autoren selbst (Kapitel 7). Es werden z. B. Anregungen gegeben, nach welchen Kriterien das Verhalten der Mediatoren beobachtet werden kann, denn „Mediatoren sind in ihrem Handeln durch besondere Fähigkeiten und Einseitigkeiten ihrer Persönlichkeit geprägt“ (S. 55). Der Leser kann dies auf die eigene Arbeit als Mediator übertragen, genauso wie die Autoren ihre (Film-)Rolle als Mediatoren offensichtlich reflektieren. Nach einem Literaturnachweis mit primär eigener Literatur (Kapitel 8) werden die Schauspieler und andere Mitwirkende an der Filmproduktion genannt (Kapitel 9).

Die obige Beschreibung des Übungsheftes zeigt bereits Wege auf, wie das Material genutzt werden kann. So sind die Filmszenen intelligent ausgewählt und zusammengestellt, können aber aufgrund des großen zeitlichen Umfangs nicht den gesamten Analyse-und Mediationsprozess in Echtzeit umfassen. Das Übungsheft dient daher dazu, dass der Zuschauer nicht den Überblick verliert, in welcher Phase des Mediationsprozesses eine bestimmte Sequenz angesiedelt ist. Darüber hinaus gibt es unter verschiedener Perspektive konkrete Anregungen zur Arbeit mit dem Film. Dazu einige Beispiele: In Reihenfolge des Filmmaterials werden Detailinformationen zu allen Szenen und Sequenzen gegeben. Diese können unter der Fragestellung des Mediationsprozesses und Konfliktverlaufs inhaltlich diskutiert und analysiert werden. Es werden bei den Diagnoseübungen einzelne Fragestellungen vorgestellt, die anband ausgewählter, unterschiedlicher Filmszenen beantwortet werden können (z. B. wie sich Emotionen bei den Medianten äußern und wie sich diese im Verlaufe der Konfliktbearbeitung verändern, z. B. indem sich negativ erlebte Emotionen abschwächen). Auch die theoretischen Informationen, etwa zum psychologischen Grundmodell der Mediation, können als Ausgangspunkt für die Arbeit mit dem Material genutzt werden. Schließlich können die verschiedenen Interventionsmethoden die Struktur geben, unter der das Material gedeutet und erarbeitet wird.

In welchem Rahmen können diese Übungen durchgeführt und der Film genutzt werden? Die Autoren selbst schreiben zwar, dass der Film nicht dazu gedacht sei, in einem Stück angeschaut zu werden. Doch werden viele Nutzer(innen) genau dies zu Beginn einmal mit viel Freude und Gewinn tun. Anschließend lassen sich einzelne Szenen auswählen, um mit diesen dann genauer zu arbeiten. Diese Arbeit kann als Einzelarbeit geschehen, z. B. um die eigenen Wahmehmungs-oder Analysefahigkeiten in Konfliktgeschehen zu stärken. Der Film kann aber auch in Mediations- und anderen Beratungsausbildungen (wie Organisationsberatung, Supervision oder Coaching) sowie in Trainings zur Konfliktlösung (z. B. für Führungskräfte oder Organisationspsychologen) eingesetzt werden. Ein weiteres großes Feld ist die universitäre Lehre, die auch die grundständige psychologische Lehre etwa zur Sozial-und Kommunikationspsychologie einschließt. Auch in der Erwachsenenbildung sind viele weitere Anwendungskontexte denkbar, z. B. einschlägige Fortbildungsveranstaltungen in Volkshochschulen.

Zusammenfassend ist der Lehrfilm mit den Übungsmaterialien in hervorragender Weise geeignet, um die Landschaft der Mediationsausbildung zu bereichern. Er ist konzeptuell profund aufgebaut und seine Entwicklung bedeutet eine enorme praktische Arbeitsleistung. Von besonders hohem Gewinn ist, dass die Autoren selbst als Mediatoren im Film auftreten und mit meisterhaften Kompetenzen demonstrieren, wie sich die Methoden in die Praxis umsetzen lassen. Daher liegt der besondere Nutzen des Materials in seiner einzigartigen Verbindung von theoretischer Wissensvermittlung und praktischer Demonstration der Umsetzung des Wissens anband eines exemplarischen Mediationsbeispiels. Das Filrnrnaterial dient in einer Form, wie es durch keine schriftliche Lektüre zu erreichen ist, auch der Reflektion des Handelns der Leser-bzw. Zuhörerschaft, in erster Linie natürlich in ihrer Rolle als Mediator, aber auch als Konfliktpartei in einem Mediationsverfahren oder in alltäglichen Konflikten. Dies geschieht nicht nur durch die expliziten Übungen zur Haltung und Rolle als Mediator, sondern in noch weitgehenderer und tieferer Form durch das Erleben von hervorragend agierenden Modellen im Film.

Verfasserin: Prof. Dr. Elisabeth Kals, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Professur fur Sozial-und Organisationspsychologie, 85072 Eichstätt

Organisationsmediation
Konfliktbearbeitung mit Teams und Organisationen
Rudi Ballreich
Friedrich Glasl

Ein Lehr- und Übungsfilm zur Team- und Organisationsmediation, 5 DVDs mit Übungsbuch.
10 Stunden Film demonstrieren die Methoden und Prozesse einer komplexen Organisationsmediation.