Buchrezension »Praxis der Lösungs-fokussierten Mediation«

von Petra Rechenberg-Winter, www.socialnet.de

Dra. Fredrike Bannink MDR ist in den Niederlanden als Klinische Psychologin tätig. Sie hat über viele Jahre in verschiedenen Institutionen des Gesundheitswesens gearbeitet. Als Master of Dispute Resolution (Universität Amsterdam) gibt sie Weiterbildungen in den USA und wirkt als Mediatorin für den Gerichtshof Amsterdam. Neben ihrer Tätigkeit als NMI-zertifizierte Mediatorin publiziert sie in diesem Fachgebiet und führt international Trainings und Workshops durch, u.a. in Afrika und Asien für humanitäre Organisationen wie z. B. für die Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Entstehungshintergrund
Auf dem Hintergrund ihrer langjährigen psychotherapeutischen Erfahrungen, besonders im Bereich der Lösungsorientierten Kurzzeittherapie, und ihrer umfangreichen mediatorischen Praxis stellt die Autorin den in Deutschland wenig bekannten Ansatz der Lösungs-fokussierten Mediation als eine Form des Positiven Konfliktmanagements vor, den sie mit seinem Schwerpunkt der Entwicklung von Lösungsoptionen (solution building) deutlich vom Modell der Problembehebung (problem solving) abgrenzt.

Aufbau und Inhalt
Neben Vorwort und Nachwort bietet das Buch in 19 Kapiteln einen umfangeichen Einblick in Methodik und Anwendungsbereiche der Lösungs-fokussierten Mediation.

– Das Vorwort, geschrieben von Kenneth Cloke (Direktor am Center for Dispute Resolution, Californien, Mediator, Schiedsrichter, Berater, Trainer), führt in die Fachdisziplin Mediation ein, indem es auf Synergien zwischen Psychologie, Psychotherapie und Konfliktlösung verweist, zentrale Werte und Haltungen reflektiert, um anschließend ausführlich Mediationskompetenz zu beschreiben und auf einige entsprechend zentrale Aspekte der Mediationsausbildung konkret einzugehen.

– Kap 1, Die Evolution des Konfliktmanagements, beschreibt knapp Entwicklungslinien in Psychotherapie, Positiver Psychologie und Rechtswesen hin zur Lösungs-fokussierten Mediation und skizziert ein weites Anwendungsfeld.

– Kap 2, Hintergrundfragen, geht auf Spieltheorien ein, bringt Aspekte der Quantenmechanik und neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit psychischen Erfahrungen in Verbindung, um auf die Bedeutung des gewählten Fokus einer Betrachtung hinzuweisen. Hinweisen zur Wahrnehmungsdynamik und Möglichkeiten, die Imaginationskraft für lösungsorientierte Mediation zu nutzen, schließt sich eine Theorie der Hoffnung an. Für Erkenntnisse förderliche Feedbackformen werden vorgestellt mit dem Ziel, Verengungseffekten im konfliktbesetzten Denk- und Handlungsrepertoire entgegen zu wirken.

– Kap 3, Lösungs-fokussiertes Fragen, widmet sich auf den Grundlagen der Ansätze u.a. von Steve de Shazer, Paul Watzlawick, Milton Erickson und Victor Frankl der weit reichenden Bedeutung, Lösungen, Veränderungswünsche, Visionen und Erfolgsgeschichten in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen, sie mittels lösungsfokussierter Fragen zu aktivieren und für konstruktive Lösungsprozesse zu nutzen. Hinweise auf entsprechende Ergebnisse der Wirksamkeitsforschung finden sich am Kapitelende.

– Kap 4, Lösungs-orientiertes Konfliktmanagement, beschreibt die vier Dimensionen des Konfliktdenkens (Edward de Bono), skizziert Veränderungsmodelle (Beckhard/Harris, Haynes/Haynes/Fong), um anschließend die Bedeutsamkeit von Langzeitdenken für Einzelne, Gruppen, Großgruppen und Gesellschaft zu erläutern. Eine tabellarische Übersicht von Problem-bezogener Mediation und Lösungs-orientiertem Konfliktmanagement wird ergänzt von Praxisbeispielen, die illustrieren, wie Geschichten von Konflikten in Lösungsgeschichten umgeschrieben werden können: „Stellen Sie sich vor, Sie würden diese Herausforderung annehmen und die Chancen nutzen – was würde sich dann verändern?“

– Kap 5, Vier grundlegende Lösungs-fokussierte Fragen, führen jetzt konkret in die praktische Umsetzung ein. Fragen zu Hoffnung und Erwartungen, Fragen nach dem Unterschied und nach Ausnahmen, Kompetenzfragen, Skalierungsfragen und Fortschrittsfragen bieten mit Übungen, in detaillierten Beschreibungen und anhand eines idealtypischen Fallbeispiels einen lehrreichen Leitfaden durch das Lösungs-fokusserte Konfliktmanagement. Hinweise zur Einschätzung der Veränderungsmotivation und konstruktive Feedbackaspekte runden dieses Kapitel ab.

– Kap 6, Weitere Lösungs-fokussierte Fragen, bietet prozessförderliche Aspekte („Was noch?“-Fragen, Beziehungsfragen), lädt mittels der Interaktionsmatrix von Walter/Peller zum Perspektivwechsel ein und beschreibt praxisnah zukunftsorientierte Methoden (Brief aus der Zukunft, Weiseres Selbst, Jahrespläne, eigene Grabrede). Diese werden ergänzt von differenzierten Skalierungserfahrungen z. B. nach Motivation und Zuversicht, Respekt und Verachtung, Kooperation und Konfliktverhaftung. In diesem Zusammenhang referiert die Autorin Glasls Modell der 9 Eskalationsstufen und gibt erste Hinweise zu Deeskalations-Interventionen (EARS von De Jong/Berg)

– Kap 7, Scheidungsmediation, zeigt ausführlich an einem Praxisbeispiel ausgewählte Schritte des Lösungs-fokussierten Mediierens am Konfliktthema „Rechte und Pflichten der Eltern“. Die Session Rating Scale SRC wird eingeführt und auf Möglichkeiten der Arbeit mit Komplimenten eingegangen.

– Kap 8, Arbeitsbündnis und Motivation für Veränderungen, greift Ausführungen zur Unterstützung von Veränderungsmotivation (Kliententypologie) aus vorangegangenen Kapiteln auf, um sie methodisch weiter zu entwickeln (Change talk), nochmals auf die nicht-wissende Haltung der Moderator/in hinzuweisen und gezielte Interventionsmethoden (Narrative Mediation, Thomas-Kilmann-Conflikt-Mode-Instrument, Kooperation mit dem Widerstand) vorzustellen. Diese werden in Bezug zu Cialdinis Theorie des Überzeugens und Hogans Modell der Einflussnahme gesetzt und mit Ergebnissen der Wirkungsforschung unterstrichen. Es ist nur konsequent, dass in diesem thematischen Zusammenhang auch auf die Motivation der Mediator/in eingegangen wird, praxisnah auch mit einer Übung zum Selbstcoaching.

– Kap 9, Nachbarschaftsmediation, bietet einen weiteren ausführlichen Werkstatteinblick am Beispiel „der Gitarrist als Nachbar“ und reflektiert vertieft den Umgang mit Rückschlägen.

– Kap 10, Weitere Lösungs-fokussierte Werzeuge, stellt als ausgewählte Methoden die Transformative Mediation (Bush/Folger), die Metanoische Mediation (Glasl) und das Externalisieren des Konfliktes vor und setzt diese in Bezug zum Lösungs-fokussierten Arbeiten. Ausführlich geht die Autorin auf die Bedeutung von Bedauern, Entschuldigen, Verzeihen, Versöhnung, Scham und Reue ein, auf Formen der Täter-Opfer-Mediation und zeigt eindrücklich die politische Dimension am Beispiel der Truth and Reconciliation Commission –TRC Südafrikas auf. Daneben finden sich in diesem Kapitel Hinweise zu Zeitabständen zwischen den Sitzungen, Hausaufgaben und Prozessen der Konsensbildung.

– Kap 11, Team-Mediation, widmet sich wieder einem ausführlichen Fallbeispiel, diesmal aus dem Arbeitsfeld Psychiatrie und mit differenzierten Hinweisen zur Vertrauensbildung.

– Kap 12, Konfliktmanagement – Klient-zentriert und mit Wirkungsrückmeldung, zeigt die Wechselwirkung zwischen Klient/in und Mediator/in auf, deren jeweilige Verantwortung fürs Gelingen der Lösungsprozesse und beschreibt, wie Ressourcen in der mediatorischen Allianz genutzt werden können (Wirkungsrückmeldung, Session Rating Scale SRS).

– Kap 13, Familienmediation, beschreibt ein weiteres mediatorisches Anwendungsfeld am Praxisbeispiel eines Vater-Sohn-Konflikts und geht in diesem Zusammenhang auf lösungs-fokussiertes Vorgehen zur Verbesserung der (familialen) Kommunikation und Toleranz ein.

– Kap 14, Ein kurzer Vergleich mit anderen Ansätzen, arbeitet Schnittstellen und Unterschiede heraus zwischen der Lösungs-fokussierten Mediation und dem Problem-bezogenen Ansatz, der Transformativen Mediation und Narrativen Verfahren.

– Kap 15, Mediation bei Personenschäden, führt wiederum durch ein Fallbeispiel, diesmal einer Klage auf Schadensersatz bei Spätfolgen eines Autounfalls. Ergänzend wird auf Settingfragen (Sitzordnung) eingegangen sowie auf die Verhandlung von Konzessionen und Gegenleistungen.

– Kap 16, Fehler, stellt das Modell Wege aus der Aussichtslosigkeit (Dunca/Hubble/Miller) vor, lösungsorientierte Fragen bei Ergebnislosigkeit und Möglichkeiten eines geordneten Rückzugs.

– Kap 17, Täter-Opfer-Mediation, behandelt Ablauf und Charakteristika von Aufbauenden Justizverfahren (Wiederherstellende Gerechtigkeit) und greift zum einen auf das Beispiel der Truth and Reconciliation Commission TRC in Südafrika zurück, einem Ansatz, der anstelle der Täterorientierung die Opfer in den Mittelpunkt stellt und sich als versöhnende Mediation durch Tatausgleich versteht. Daneben wird das Modell der Family Group Conferences FGCs ausführlich dargestellt.

– Kap 18, Aus dem Methodenkoffer, bietet eine kleine Auswahl von Materialien zu dem im Buch vorgestellten Handwerkzeug (Sitzungsprotokolle, Interaktionsmatrix, Externalisierung des Konflikts, Session Rating Scale SRS).

– Kap 19, Eine Geschichte zum Schluss, bietet eine Erzählung, die sich als Metapher anbietet für die Frage, was es braucht, um eine Lösungs-fokussierte Mediator/in zu werden.

– Kap. 20, Nachwort, ist weitaus mehr als ein solches, denn Friedrich Glasl (Politologe, Mitbegründer der Trigon Entwicklungsberatung, Gastprofessor an der Universität Tbilissi/Georgien, Mediator, Mediationstrainer, Autor zahlreicher Publikationen zu Führung, Organisation und Konfliktmanagement) stellt die Mediation in den Kontext ihrer internationaler Geschichte, führt die Hauptansätze der Konfliktmoderation detailliert vor (Problem-bezogene, Visions-geleitete, Prozess-folgende Mediation), biete einen Indikatoren-Kompass für eine dem Konfliktanliegen angemessene Strategie- und Rollenwahl und stellt ausführlich das von ihm entwickeltes Stufenmodell mit einem Spektrum unterschiedlicher, dem jeweiligen Eskalationsgrad angemessener Mediationsansätze vor. Im Zusammenhang von Aspekten der Nachhaltigkeit beschreibt er sein Modell der Metanoischen Mediation,und liefert damit fast eine Art eigenes kleines Lehrbuch, das den Ansatz der Autorin in einen systematischen Überblick von unterschiedlichen Formen der Konfliktmoderation stellt.

Diskussion und Fazit
Fredrike Bannink legt ein praxisorientiertes Lehrbuch vor, das einige wissenschaftliche Ansätze gut nach vollziehbar mit methodischer Umsetzung verbindet. Sie illustriert das von ihr vorgestellte Modell der Lösungs-fokussierten Mediation mit zahlreichen Praxisbeispielen zu jedem inhaltlichen Abschnitt. Einige Anwendungsbereiche stellt sie in einem jeweils eigenen Kapitel ausführlicher dar. Und sie fügt beständig Übungen, die gut als solche gekennzeichnet sind, zum Selbststudium ein. So entsteht eine umfangreiche, mitunter in ihrer Vielfalt auch verwirrende Landkarte. Dass durchgehend auf jeder Seite eine Spalte mit Stichworten der einzelnen Absätze mitläuft, hilft, den Überblick weitgehend zu behalten bzw. schnell zu ihm zurück zu finden.

Wie das gesamte Buch, so endet auch jedes Kapitel mit einer metaphorischen Erzählung. Nach meinem Geschmack erscheint mir dort mitunter der pädagogische Zeigefinger zu hoch gehoben, andere Geschichten wiederum haben mich angesprochen.

Dieses Buch fügt der deutschsprachige Literatur zur Mediation einen lösungsorientierten Ansatz hinzu und sei Moderator/innen als ergänzender Praxisbeitrag empfohlen. Auch Kolleg/innen, die sich in der Mediationsweiterbildung befinden, erhalten einen erweiterten Blick über den üblichen methodische Tellerrand der Konfliktmoderation hinaus.

Rezensentin
Petra Rechenberg-Winter
Klinikum der Universität München Interdisziplinäres Zentrum für Palliativmedizin (IZP)
Christophorus Akademie für Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit

Zu lesen auf: www.socialnet.de

Grundlagen der Mediation
Praxis der Lösungs-fokussierten Mediation
Dra. Fredrike Bannink MDR

Statt Probleme zu untersuchen, nimmt die Lösungs-fokussierte Mediation von Anfang an konsequent die erhoffte positive Zukunft in den Blick. So werden die Ressourcen der Beteiligten angesprochen und verstärkt, damit die Streitparteien ihre Arbeits- und Lebenssituation verbessern können.