Interview mit dem Autor Friedemann Schulz von Thun

Die Wahrheit beginnt zu zweit!

Rudi Ballreich im Interview mit Friedemann Schulz von Thun

Das Interview erschien in einer gekürzten Form in „Konfliktdynamik 2/2013“.

Stolpersteine der Kommunikation

Sie haben Ihre Lebensarbeit als Forscher und Lehrer an der Universität und als Trainer dem Thema „Kommunikation“ gewidmet. Was sind denn Ihrer Ansicht nach häufige Stolpersteine in der Kommunikation?

Die Menschen reden in Gesprächen oft kunterbunt durcheinander. Wenn jemand etwas sagt, dann kommen gleich Entgegnungen und assoziative Weiterführungen ohne Versuch, die sich hervorwagende Botschaft aufzunehmen, aufzuspüren. Es fehlt oft das Bewusstsein, dass das Gesagte oft nur ein Vorbote des zutiefst Gemeinten ist. Wenn die Zuhörenden die liebevolle Geduld einer Hebamme hätten und nachspüren würden, was im dem Gesagten drinsteckt und erst noch spruchreif werden will, dann würde man mehr auf den Kern kommen, mit der Verheißung auf einen Dialog, der den Namen verdient. Jedenfalls, wenn es wahrhaft um etwas geht. Andernfalls kann ein kunterbuntes Durcheinander ja auch lebendig und erheiternd sein.

Gibt es noch weitere Stolpersteine?

Auch in Gruppengesprächen und Konferenzen folgt das Gespräch oft einer assoziativen Dynamik. Es kann entweder sehr langweilig oder aber eruptiv und turbulent werden, weil die ordnende Hand fehlt. Eine gute Moderation ist ein Segen für die Menschheit! Wenn ein Moderator wirklich dafür sorgt, dass alle beim gleichen Thema sind; dass jeder aussprechen kann, was er auf dem Herzen hat und sich verstanden fühlt in dem, was ihm wichtig ist. Wenn der Moderator dann auch noch visualisiert, wo das Gespräch gerade steht, dann würde sich dies als Zaubermittel der Verständigung erweisen. Erstaunlicherweise ist das aber immer noch sehr wenig verbreitet. Gewusst wird das schon, aber es mangelt an der Kunst, das Wissen in Können zu verwandeln. Und es mangelt an einer Kultur der Zusammenarbeit, die solche Möglichkeiten vorsieht, erwartet und würdigt.

Welche Möglichkeiten bietet denn das von Ihnen entwickelte Vier-Ohren-Modell, um schief laufende Kommunikation zu verstehen und zum Besseren zu wenden?

Wenn ich alle vier Ohren auf Empfang geschaltet habe, bin ich davor gefeit, einseitig und meinem persönlichen Muster entsprechend nur auf einer der vier Ebenen resonanzfähig zu sein. Zum Beispiel nur auf der Sachebene, obwohl die Beziehungsebene „vibriert“. Oder nur mit dem empfindlichen „Beziehungsohr“ einen Vorwurf wahrzunehmen, ohne (mit dem Appellohr) den Wunsch/die Bitte aufzunehmen und ohne (mit dem Selbstkundgabe-Ohr) empathisch das dahinterliegende Gefühl aufzuspüren.

Ist es möglich, das an einem Beispiel zu verdeutlichen?

Wenn Ihre Frau zu Ihnen sagt: „So selten, wie Du zuhause bist, da leiden auch die Kinder schon drunter…“ – dann treffen Sie nolens volens innerhalb einer Zehntelsekunde eine Entscheidung, mit welchem der vier Ohren Sie vorrangig hören und auf welcher Ebene das Gespräch weitergeht: Zum Beispiel auf der Sachebene: „Die Kinder leiden? Aha!? Woran machst Du das denn fest? Und was meinst Du mit ‚selten‘?…“ Oder auf der Selbstkundgabe-Ebene: „Fühlst du dich von mir familiär im Stich gelassen?“ Oder auf der Beziehungsebene: „Geht’s noch!? Denkst du, mir macht das Spaß, diese dauernden Überstunden? Ist ja wohl mein Hobby!? Wenigstens hast du dich noch nicht über das Geld beschwert, das ich dabei verdiene!…“ Oder auf der Appellebene: „Wie wär‘s am Wochenende mit einer gemeinsamen Fahrradtour?“ – Wunderbar, wenn Sie als Empfänger alle vier Möglichkeiten zur Verfügung hätten und nicht auf eine festgelegt wären! Dann könnten Sie situativ stimmig auswählen, welche Ebene Sie jetzt für vorrangig halten oder welche Ebenen Sie nacheinander betreten wollen.[…]

Das vollständige Interview können Sie hier als PDF herunterladen.