Beratung und Ethik

Peter Heintel
280 Seiten
Deutsch
ISBN 9783934391659
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Praxis, Modelle, Dimensionen

Erfahrene BeraterInnen und WissenschaftlerInnen setzen sich in ihren Beiträgen mit den Zusammenhängen zwischen Ethik und Beratung auseinander. Sie gehen dabei folgenden Fragen nach:

– Welche Bedeutung hat Ethik für die BeraterInnen und die Beratung?

– Welche Art von Ethik ist gegenstandsadäquat und wie kann Ethik praktisch umgesetzt werden?

– In welchen Formen erscheint Ethik und wie werden BeraterInnen in der Praxis mit ethischen Problemstellungen konfrontiert?

– Wie ist der Zusammenhang zwischen Ethik, Bereichsethiken und Fragen der Professionalität zu denken?

– Warum beschäftigen sich Organisationen mit Ethik, wie kann das Thema Ethik in Organisationen beraterisch eingeführt werden und was bewirkt dies innerhalb von Organisationen?

– Was kann Beratung im Kontext ethischer Fragestellungen leisten?

– Wie können Forschungs- und Beratungsmethoden hinsichtlich ihres ethischen Gehalts gesehen werden?

Das Buch wendet sich an PraktikerInnen aus verschiedenen Beratungsfeldern, an WissenschaftlerInnen aus dem Bereich der Beratungsforschung bzw. aus Forschungsrichtungen, die beratend tätig sind, sowie ganz allgemein an LeserInnen, die an Ethik interessiert sind, und möchte zu einer weiteren multiperspektivischen Auseinandersetzung mit dem Thema einladen.

 

Inhalt:

Vorwort

Bernhard Pesendorfer – Etymologisches zu Rat und (be-)raten

Kurt Buchinger –  Dimensionen der Ethik in der Beratung

Gerhard Schwarz – Ethik in der Beratung

Alexander Exner  – Wenn die Haltung der Ethik gegenübersteht

Martina Ukowitz – Am Weg zu kollektiver Autonomie: Vertrauen im ethischen Diskurs

Larissa Krainer – Interventionsforschung – eine Methode der Prozessethik?

Katharina Heimerl – Ethik und Interventionsforschung in Palliative Care

Ruth Seliger, Herbert Schober, Jürgen Sicher – Gesunde Mitarbeiter – gesunde Organisation – Ein strategisch/ethischer Anspruch eines Wirtschaftsunternehmens

Herbert Schober – Assoziationen und Gedankensplitter über den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Ethik

Ewald E. Krainz – Versuch über die Ethik in der Organisationsberatung

Peter Heintel – Das “Klagenfurter prozessethische Beratungsmodell” Anhang

Martina Ukowitz – Beratung und Ethik – Überlegungen zu einem Aufriss des Themas

 

Leseprobe:

Etymologisches zu Rat und (be-)raten

Wer auf die Sprache und die Weisheitsgeschichte, die sie für jeden bereithält, hört, wird auf der Suche nach dem Sinn von Rat und Beratung besonders belohnt.
In jedem der folgenden zehn Absätze stellen wir kursiv eine Bedeutungserklärung des Wortes Rat aus den im Quellenverzeichnis genannten Wörterbüchern voran und erläutern sie im Folgenden (a).
Entlang der etymologischen Herleitung lassen sich auch die Bedürfnisse, die in Beratungsverhältnissen eine Rolle spielen, erkennen und die jeweils damit verbundenen Beziehungsmuster nachzeichnen (b).

1. rat als gesamtbegriff für alles, was ein geschlechtsoberhaupt an leiblicher fürsorge, nahrung und schutz den von ihm abhängigen ge-schlechts-genossen schuldet.

a) Hier ist von zwei verschränkten Formen der Abhängigkeit die Rede, der physischen und sozialen. Wer überleben will, braucht erstens Nahrung, Kleidung, Schutz, zweitens jemanden, der ihm diese schuldet – und zwar nicht irgendjemand, sondern die höchste Instanz, die es in Clanorganisationen gibt, das “Geschlechtsoberhaupt”. Ein größeres Auto-ritäts- und Machtgefälle lässt sich nicht denken. Allerdings sind diese Überlebens-Notwendigkeiten nicht geschenkt, sondern geschuldet. Das heißt, auch das Geschlechtsoberhaupt muss sich vor einer noch höheren Autorität dafür verantworten, ob es dieser seiner Schuldigkeit auch Genüge getan hat. Ob männlich oder weiblich, dieses Geschlechtsoberhaupt trägt jedenfalls deutlich die Züge der lebensspendenden oder lebensverweigernden Allmacht der Mutter, der gegenüber alle “abhängigen Geschlechtsgenossen” Kinder sind, die ihren “Überlebens-Rat” einfordern können.

b) Am Anfang des Ratsverständnisses steht die totale Abhängigkeit des Ratsuchenden (altertümlich auch “Räter” genannt, derzeit nur mehr in Ver-räter präsent), der die ebenso totale Verantwortung des Rat-Schuldigen entspricht. Im Beratungszusammenhang bedeutet dies, dass der Klient nicht nur sein Anliegen, sondern sich selbst, sein Leben ganz in die Hand des Beraters legt – ähnlich, wie sich ein vom Bankrott bedrohter Kaufmann an die irreale Hoffnung klammert, der Bank die Verantwortung für seine ganze Existenz übertragen zu können, und im Verweigerungsfall zur Pistole greift.  Der Berater als Lebensspender, zumindest als Lebensretter.

2. insbesondere leibliche fürsorge, nahrung, kleidung und leibliches leben – erweitert rat als vor-rat: der nutzen und gewinn aus sammeln und sparen; vorhandene mittel, vorrat an lebensmitteln

a) Der Zweck aller Moral und der damit verbundenen Institutionen lautet: Das Leben muss weitergehen. Das gelingt aber nur, wenn in irgendeiner Weise Zukunft und Schicksal verfügbar gemacht werden können. Die augenblickliche Abhängigkeit im Überleben lässt sich komfortabler und weniger bedrohlich gestalten, wenn nicht nur Rat, sondern Vor-Rat vorhanden ist, d.h. überlebensbrauchbare Dinge nicht sofort konsumiert, sondern für den Zeitpunkt einer möglichen (und ziemlich sicher vorhersehbaren) Not zurückbehalten werden. Das erfordert Zucht und Autorität, schwächt die totale Abhängigkeit von zuteilenden Autoritäten allerdings auch ab. Wenn einer Vorräte hat bzw. wenn er vergangene Erfolgsstrategien im Überleben speichert – spart, dann hat er in der Not. Denn sparen, um beim etymologischen Erklärungsmuster zu bleiben, heißt ja primär: bewahren, schützen, schonen, in gutem Zustand erhalten… (Wissen das auch die Manager, die eine Sparübung nach der anderen inszenieren?)
b) Rat wird hier aus dem vorausschauend-sparsamen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen der Lebensbewältigung. Der Berater bringt die Zeitdimension hinein: Die Ressourcen kommen immer noch von der All-Autorität, diese mahnt aber zugleich, sie über die Zeit einzuteilen, Triebaufschub zu leisten und an später zu denken. In der Entwicklung des Kindes stellt dieser Schritt eine enorme Leistung dar. Es lernt, die gegenwärtige Lebensgier zu relativieren und auf sie zugunsten zukünftiger Triebbefriedigung zu verzichten. Der Berater als mahnende – und möglicherweise strafende Autorität.

3. rat als gerät, hausrat (vgl. unrat), hei(m)rat = hausbesorgung, beschaffung, fürsorge, vorteil, macht

a) Es ist ein beachtlicher Fortschritt, wenn jemand nicht mehr Nahrung, Schutz etc. bekommt, sondern Werkzeuge, um sich solche selbst zu verschaffen. Denn es macht einen Unterschied, ob ich ständig gefüttert werden muss oder mich selbst durch vernünftigen Werkzeuggebrauch ernähren kann. Vorratswirtschaft und Werkzeuggebrauch haben gemeinsam, dass sie enorme Abstraktionsleistungen darstellen, die großen Überlebensvorteil mit sich bringen – also Macht – gegenüber Zeit und Schicksal ebenso wie gegenüber anderen Menschen. Aber sie ist geringer als die Macht des Allernährers oder der Allmutter. Dass sich – wie ersichtlich – die Heirat nur vom Heimrat=Hausrat ableitet, mag emotional betrüben. Sie bleibt jedoch eine sehr nützliche Einrichtung in der Hinsicht, dass, wer einen Hei(m)rat=Haushalt hat, sich viele Werkzeuge der Alltagsbewältigung ins Haus und die überschaubare Gemeinschaft geholt hat. Damit zeichnet sich die Tendenz der weiteren Wortbedeutungen von rat schon ab. Jede weitere Stufe wird das steile Autoritätsgefälle sukzessive abflachen. Aber es ist noch ein spannender Weg.

b) Hatte der Klient durch Triebaufschub schon ein wenig Verantwortung für sich selbst übernommen, so folgt nun ein weiterer Schritt: Er will an seiner Überlebensarbeit durchaus schon mitwirken, weiß aber nicht mit welchen Werkzeugen. Der Berater stellt die Werkzeuge zur Verfügung, hat immer eine Toolbox parat, die für jede Situation das richtige Gerät enthält. Rat wird hier materialisiert – zum Ge-Rät (griechisch: organon), das die Welt gefügig und zum Material meines Überlebens, also nützlich macht. Mein materielles Gerät wendet sich gegen die Materie und bearbeitet sie – man sieht, wie sich die mit mater verbundenen, also “mütterlichen” Ausdrücke mehren, wie hier mütterliche Macht entlehnt wird, um der Allmutter sein Teil an den Überlebensmitteln abzuringen. Der Berater als Toolbox für alle Lebenslagen.

4. rat als überlegtes eingreifen: schutz, hilfe, vorsorge, förderung
a: vorsorge hilfe zu einem unternehmen, zweck / hilfe und rat, mittel und rat, macht und rat, rat antun= pflegen, hilfe leisten / hilfe, weg, ausweg
b: abhilfe eines übels, rat werden (“die magd legt sich zum <kranken> herrn, welcher gleich in kurzen tagen wider genasz, also ward der sache rat”) / ratlos ohne sorge oder pflege
c: es ist (nicht) rat = es nützt (nichts)
d: rat haben eines dings = es entbehren, missen (entraten)

a) Wer 1. die immerwährende Vollversorgung nicht mehr braucht, weil er 2. Vorratswirtschaft betreibt und 3. den Werkzeuggebrauch kennt, braucht 4. das überlegte Eingreifen, wenn – aller Zukunftsvoraussicht zum Trotz – etwas Schlimmes geschieht. Wir brauchen nicht nur Einsicht in den Werkzeuggebrauch (wer braucht bzw. versteht heute noch Gebrauchsanleitungen?) und deren Herstellung, sondern auch Hilfe für den Fall der Bedürftigkeit, wie der kurze Exkurs in die Volksgesundheit unter 4b zeigt. Wer selbst Werkzeuge herstellen und auf Hilfe rechnen kann, hat mehr Chancen, dass er mithilfe von technischem Geschick, Werkzeugen und Vorräten seiner Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Schutz … Herr wird.

b) Wer Werkzeuge zwar hat, von der gestellten Aufgabe der eigenen Lebensbewältigung jedoch überfordert ist, braucht Hilfeleistung, handfeste Berater und Problemlöser, die mit Hand anlegen. Der Sinn von Organisation lag immer darin, Kooperation rund um allein nicht zu lösende Aufgaben einzurichten – eben zu organisieren (wörtlich: zu verwerkzeugen…). Exogamie stellt eine solche Organisation insofern zur Verfügung, als der Bruder dem “Fremden” seine Schwester gibt, um dadurch einen arbeitstüchtigen und zu Kooperation vertraglich verbundenen Schwager zu bekommen. Der Berater als Hilfeleister, z.B. als supportiver Manager auf Zeit.
5. rat als fürsorgliche erwägung alles dessen, als anweisung und belehrung der geschlechtsgenossen durch das geschlechtsoberhaupt
a: anweisung, richtschnur, rechtsbelehrung (rat und lehre, rat und regel), fast befehl
b: vorschlag, propositio, consilium, persuasio (guter, freundlicher, weiser, offener, ehrlicher, böser, falscher rat), rat erfragen, suchen, finden, sich holen, geben, erteilen, annehmen, ihm folgen, auf ihn hören;  formeln und sprichwörter: rat und tat, guter rat ist goldes wert/teuer,
c: räte = ratschläge (z.B. die evangelischen räte armut, keuschheit, gehorsam)

a) Auch die fünfte Wortbedeutung weist auf eine phantastische Erfindung von Lebewesen hin, nämlich: gespeicherte Überlebens- und Lebens-Erfahrung gezielt an die nächsten Generationen weiterzugeben, quasi Vorratswirtschaft in Lebenserfahrung zu betreiben. Es war eine der größten Errungenschaften der Neuzeit, Wissen öffentlich und an Universitäten allen zugänglich zu machen (welch ein kümmerlicher Rückschritt, wenn manche das Glück der Wissenschaft, der Wirtschaft oder des Staates Privat- und Elite-Universitäten anvertrauen wollen, die womöglich noch nach privatkapitalistischen Methoden Geheimwissen vermarkten…).

b) Legt der Berater jedoch nicht selbst Hand an, sondern begnügt sich, Ratschläge zu geben, dann geht es nicht mehr um ein bestimmtes Werkzeug, dessen Funktionsweise man mehr oder weniger kennen muss, oder um eine spezifische Hilfeleistung. An seine Stelle tritt das wesentlich unspezifischere, dafür aber universelle Werkzeug des Wissens und der Erfahrung. Der Berater als Wissender und Erfahrener, der Wissen und Erfahrung auch weitergibt. Wer gut beraten wurde, weiß mehr als vorher, insbesondere ohne jede (bittere) Erfahrung selbst gemacht haben zu müssen.

6. rat als fähigkeit der überlegung und bedachtsamkeit, ein gutes urteil zu haben (mit/ohne rat = mit/ohne bedacht)

a) Der Weg dieser merkwürdigen Etymologie führt uns von den ursprünglichen Elementarbedürfnissen und deren Befriedigung immer weiter in die Tugenden zur Gestaltung des Zusammenlebens bei aufrechter Tendenz, das Gefälle zwischen Ratendem (Berater) und “Räter” (Ratsuchendem) zunehmend auszugleichen. Urteilskraft weiß die vielfältigen Phänomene in Natur und Gesellschaft im Dreieck von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem, von Deduktion, Analogie und Induktion zu beschreiben und einzuordnen. Wer Urteilskraft hat, weiß Rat, wenn es darum geht, unsichere Situationen nach vielen Seiten hin abzuwägen und einzuschätzen.

b) Ein guter Ratgeber/Berater hat nicht nur vielerlei Kenntnisse, sondern weiß auch, Wissen und Erfahrungen abzuwägen und treffsicher auf die bestehende Situation zu beziehen (Urteilskraft und Klugheit). Dieser Berater gibt nicht nur Wissen weiter, sondern auch die Klugheit, es selbst zu erwerben und richtig zu gebrauchen. Der Berater als Klug-heitslehrer (also ein Sophist wie z.B. Sokrates, hätten die Griechen gesagt).

7. rat als ergebnis: ratschluss, beschluss, wille, plan, vorsatz gottes/des gerichts (zwischen überlegung und tat) / raten: zum entschluss kommen, schlüssig werden / böser rat: feindlicher plan, anschlag / verantwortung

a) Diese Wortbedeutung kommt an den ursprünglichen Sinn des Ratens nahe heran: Nach reiflichem Überlegen will des Rätsel-Ratens ein Ende sein, das Raten zu einem Schluss gekommen sein. Wer handeln will, muss aus der unendlichen Kette des Raisonnements ausbrechen, sich festlegen, Schluss machen mit der leeren Wahlfreiheit (dieser “privilegierten Unverlässlichkeit”, wie Schelling sich ausdrückt) und wirklich wählen, Verantwortung übernehmen. Ein “unerforschlicher Ratschluss Gottes”, der oft bemüht wird, wenn ein schrecklicher Schicksalsschlag verarbeitet werden muss, ist eine in sich widersprüchliche Konstruktion, die nur auf eine völlig unverständliche, verzweifelte Situation hinweist, aber nichts mildert noch erklärt.

b) Doch wer immer nur überlegt, kommt nicht zum Handeln. Zur Klugheit gehört auch zu wissen, wann der Überlegungen ein Ende sein und ein Ent-Schluss gefasst werden muss.
Entscheidungen bereiten zwar das Handeln und damit die Realisierung eines Entschlusses vor, schließen aber auch viele andere Möglichkeiten aus, wie man auch hätte handeln können. Deshalb braucht es Mut, zu einem Schluss der vielen Möglichkeiten und zur Realisierung der – hoffentlich – besten Möglichkeit zu kommen. Der Berater unterstützt den Mut zu Entscheidung und Handlung.

8. rat wissen – auf wichtige, lebensentscheidende fragen oder rätsel (z.B. die zukunft betreffend – divinare futura) antworten haben

a) Die Rätsel unserer Tage gruppieren sich alle um die Sinnfrage dessen, was wir produzieren, arbeiten, tun, wie wir leben. Sie haben weniger mit Zukunftsdeutung als mit Wahr- und Weissagen zu tun. Dort orten wir heutzutage die größte Ratlosigkeit. Wer kann ihrer rat wissen? Sicher nicht die vereinzelten Individuen, die sich immer mehr in ihren hoch mechanisierten Single-Haushalten mit Convenience-Food verkriechen … Wenn wir die anderen und die Gemeinschaft brauchen, dann gerade in diesen Fragen.

b) Wer immer Rat sucht oder Rat gibt, sich mit anderen berät, steht vor der Frage, wie er sein Anliegen einordnet ins Gesamtgeschehen. Wer nun die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters einigermaßen erspürt oder gar artikulieren kann, wird leichter abschätzen können, wo sein Handlungsspielraum liegt, der ihm und seiner Verantwortung zurechenbar ist. Wo meine Kraft nicht hinlangt, dort hört auch meine Verantwortung auf. “Lieber sich als die Weltordnung ändern!” rät schon Descartes. Trotzdem stellen wir uns darüber hinaus die Frage nach dem Sinn des Ganzen, ohne sie beantworten zu können. Der Berater als Philosoph.

9. rat als ratsversammlung, das gemeine wohl beratende, amtliche ver-sammlung der dazu berufenen,
a: rats pflegen, zu rate gehen, beratschlagen mit anderen
b: mit sich selbst

a) Deshalb ist die nächste Stufe des Rats die Ratsversammlung, das politische Forum, wo sich die Menschen treffen, um die ihnen wichtigsten und am meisten umstrittenen Sinnfragen (altmodisch: das gemeine wohl, bonum commune), gemeinsam auszutragen und zur Entscheidung zu bringen. Da ist nun die Allautorität des Geschlechtsoberhaupts (vermutlich ohnehin eine Fiktion) endgültig abgetreten an die Gemeinschaft derer, die – selbst Ratsuchende – sich wechselseitig beraten müssen, das Autoritätsgefälle ist ausgeglichen. Die Verantwortung für Überleben und Zusammenleben ist ein gemeinsames Gut: das Gute.

b) In der Politik bestimmen Menschen auf konkrete Weise, was sie – als Gemeinschaft – für das dem Menschen angemessene Gute halten, dessentwegen es sich lohnt, Mitglied des Menschengeschlechts zu sein. Und die edelste Aufgabe des Staates ist es, seinen Einwohnern diese Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht zu garantieren. Da es nun niemanden gibt, der dieses Gute für sich allein kennen kann, sind wir darauf angewiesen, uns permanent zu beraten, wechselseitig zu beratschlagen – und zwar auf gleicher Augenhöhe. Der Berater als politischer Designer von Austragungsformen dieser unendlichen Beratung der Menschen untereinander.

Zum Schluss noch eine letzte, zusammenfassende Etymologie, nämlich die zugrunde liegende des Verbs raten:

10. raten von  lat. reor rèri, ratio: rechnen, meinen, dafürhalten
idg. *rhed: reden, lesen (Runenraten) > engl. read
ahd. ratan: überlegen, ersinnen, Vorsorge treffen, vorschlagen, empfehlen, deuten (reden, Rede, Reim), zuwege bringen, Vorsorge treffen, aussinnen,  ratschlagen, vermuten, erraten, rätsel raten, weissagen (divinare futura), herauszufinden suchen, mutmaßen, vermuten

a) Hinter allem steht die unstillbare Hoffnung, das Leben berechenbar, die Zukunft erratbar zu machen, die Zeichen der Zeit lesen zu können und Vorsorge treffen zu können gegen Not und Schicksal, Bosheit und Krieg. Denn wenn wir uns nicht wechselseitig beratschlagen können, ratlos bleiben, finden wir auch keine Anhaltspunkte, wo der unmittelbar praktische, aber auch der moralische und tiefere Sinn unseres Daseins liegen könnte.
Auf dem Weg der zehn Wortbedeutungen hat sich das Wort Rat vom Inbegriff der Befriedigung der Überlebens-Bedürfnisse durch eine allmächtige Autorität gewandelt zu einem egalitären Inbegriff des gegenseitigen Beratschlagens, wie man der Anforderungen eines “guten Lebens” rat werden könnte, sodass es möglich würde, im Verein mit anderen glücklich zu sein… (wenn es erlaubt ist, die Aristotelische und Kantische und die Eudämonielehre so zu straffen).

b) Es bedarf also des Mutes, sich wechselseitig in grundsätzlich unsicherer Situation zu beraten, gemeinsam zu beratschlagen, wo Erfahrung, Kenntnisse und Wissenschaft nicht mehr weiter helfen können, und dennoch entschieden, gehandelt, gelebt und gehofft werden muss. Der Berater als Ratloser unter Ratlosen, die dennoch den Glauben und den Mut zum Leben haben.

Schluss:
Die Autorität des Beraters – anfangs übergroß und lebensnotwendig – reduziert sich mit jedem der aufgezeigten Schritte. Denn ein guter Berater hinterlässt nach jedem Schritt einen Klienten, der gelernt hat, was ihm der Berater auf dieser Stufe voraushatte.
Erst am Ende, wenn sich das Gefälle ausgeglichen hat, zeigt sich, dass wir doch immer noch und immer wieder auf Beratung angewiesen sind, besonders in den entscheidenden Fragen des Lebens; nicht mehr aber in der Abhängigkeit von einem, der mächtiger ist als ich, mehr weiß und klüger ist, sondern abhängig von einem, der weiß, dass zu einem guten Leben auch gehört, einen gemeinsamen Begriff des guten Zusammenlebens zu suchen und zu finden, d.h. erstreiten, erkämpfen, experimentell versuchen zu müssen, und – wenn in einer wichtigen Sache gefunden – auf Dauer zu stellen, in Recht und Gesetz zu gießen usf. Dann haben wir uns und sind gut beraten.
Zur inneren Logik der Etymologie von Rat und Beraten

Kurt Buchinger
Dimensionen der Ethik
in der Beratung
1. Der Sinn der Rede von einer professionellen Ethik
Warum ist heute so viel von Ethik in den Professionen, den Semiprofessionen und in den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern die Rede? Man hört allenthalben von Ethik in der Medizin, in der Politik, in der Wirtschaft, und eben auch in den verschiedenen Formen der Beratung. Man kann annehmen, das hat einen Sinn. Aber welchen? Soll es etwa um die Entwicklung von professionellen oder sonst speziellen Ethiken gehen? Es klingt gelegentlich danach – so als wäre Ethik eine in verschiedene Spezialfelder aufteilbare Disziplin, die Orientierung in den gesellschaftlich ausdifferenzierten Handlungsfeldern geben sollte, vielleicht sogar mit handlungsleitenden Informationen und Prinzipien, die man nur korrekt anwenden bräuchte, um ethisch gut zu handeln.
Nun mag es wohl Tendenzen in diese Richtung geben. So etwa wenn von Wirtschafts- oder von Umweltethik und in den Professionen, auf die ich mich im Folgenden beschränken möchte, von Medizinethik und Beratungsethik gesprochen wird. Dass das der Sinn der häufigen Rede über Ethik in den verschiedenen Feldern menschlicher Tätigkeit sein soll, darf man aber bezweifeln. Zur Erläuterung meines Zweifels hilft es, genauer zu bestimmen, worum es im so genannten ethisch Guten geht, und was das für eine Disziplin ist, die sich damit beschäftigt.

1.1. Das ethisch Gute und die Rede davon
Traditionell bezeichnet man als ethisch gut etwas, das sich zwar schwer fassen lässt, sich aber dennoch dramatisch von allen anderen Formen des Guten unterscheidet.
Das Gute ist nämlich, wie Aristoteles am Beginn dieser Tradition (in der Nikomachischen Ethik) sagt, so vielfältig wie das Sein. Jede menschliche Bemühung, jede Handlung strebt nach einem Gut. Das Gute der Feldherrnkunst ist der Sieg, das Gute der Heilkunde die Gesundheit usw. (Aristoteles 1956: 17). Das Gute in der Beratung ist vielleicht die Handlungsfähigkeit des Klienten. In jedem dieser Tätigkeitsbereiche ist das Gute das, um dessen willen alles andere getan wird. Es ist das Ziel der Tätigkeit und es ist bestimmt durch seine besondere Hinsicht. Gut wird in diesen unterschiedlichen Hinsichten jemand genannt, dessen Handlungen das Gute des Tätigkeitsbereichs zu erlangen verstehen. Ein guter Feldherr ist einer, der zum Sieg führt. Ein guter Arzt, wer die Gesundheit des Patienten wieder herstellen hilft. Ein guter Berater, wer die Handlungsfähigkeit seines Klientels fördert.
Das hat aber noch nichts mit Ethik zu tun. Es macht einen Unterschied, ob man sagt: ”Das ist ein guter Feldherr” oder: “Das ist ein guter Mensch”. Ein guter Feldherr muss kein guter Mensch sein. Und ein guter Mensch muss kein guter Feldherr, er muss überhaupt kein Feldherr sein. Ein guter Mensch zu sein, bezeichnet keinen besonderen Tätigkeitsbereich neben anderen, man kann daraus keinen Beruf machen. Das ethisch Gute wird nicht um eines bestimmten Zwecks, sondern um seiner selbst willen getan, so heißt es immer.
Gegen Ende unserer Tradition hebt Wittgenstein in seinem Vortrag über Ethik (1989: 11) noch einen anderen Unterschied zwischen dem, was in Hinsicht auf einen bestimmten Tätigkeitsbereich, auf einen bestimmten Zweck gut ist und was ethisch gut ist, hervor: Was relativ (zu einem bestimmten Ziel) gut ist, das kann man wollen, oder auch nicht. Das ethisch Gute entzieht sich in gewisser Weise diesem Unterschied. Sage ich jemandem: “Du bist ein schlechter Tennisspieler und er antwortet: “Ich weiß, aber ich will nicht besser spielen, mir genügt das”, so ist das in Ordnung. Sage ich jemandem: “Du bist ein schlechter Mensch”, so ist seine Antwort: ”Ich weiß, aber ich will nicht besser sein” nicht Ordnung. Er sollte es wollen.
Ethik fragt also nicht nach dem, was gut ist in Relation zu einem bestimmten Ziel, das man haben kann, oder auch nicht, sondern nach dem, was an und für sich, ohne irgendeine Hinsicht gut ist, und dem gegenüber man zwar sagen kann: “Das will ich nicht”, aber das zu sagen, nicht in Ordnung wäre.
Nun ist zwar verständlich, was gemeint ist, wenn man sagt: “Das ist gut für etwas”, also z.B.: “Dieser medizinische Eingriff ist gut für die Gesundheit des Patienten”, oder: “Diese Intervention ist gut für die Überlegung des Klienten, ob er so oder so handeln soll”. Aber es ist nicht so leicht verständlich, was gemeint ist, wenn man sagt: ”Das ist gut”, ohne dass es für irgendetwas gut wäre. Man kann zwar sagen: “Das ist an und für sich, absolut gut”, aber was bedeutet das?
In seinem Vortrag über Ethik gibt Wittgenstein Hinweise, was das für ihn bedeuten kann. Er schließt damit an die Tradition an, indem er gleichzeitig einen relevanten Unterschied macht. Und er sagt etwas aus über die Ethik als Disziplin, also über den Versuch, wissenschaftlich oder irgendwie systematisch über Ethik zu reden.

Wittgenstein meint, dass das absolut Gute kein beschreibbarer Sachverhalt ist. Wäre es ein solcher, so müsste ihn jeder notwendig herbeiführen oder sich schuldig fühlen, wenn er das nicht tut. Er spricht daher von keiner Wahrheit, er trifft keine Aussage, die allgemein gültig sein sollte. Er belässt es bei einem Erlebnis, das ihm immer wieder vorschwebt, wenn er versucht ist, sich auf Ausdrücke wie das absolut Gute einzulassen, und um dem Hörer ähnliche Erlebnisse ins Gedächtnis zu rufen, teilt er sein Erlebnis mit. Er spricht von seinem Staunen über die Existenz der Welt und dem Erlebnis der absoluten Sicherheit, in der ihm nichts wehtun kann, egal, was passiert (aaO: 14f.).
Aristoteles ist da viel spezifischer. Er nennt das an und für sich Gute Glückseligkeit (Eudaimonia) und geht die ganze Latte von Tugenden durch, die mit ihr zusammenhängen. Heute werden in der Rede über Ethik solche Versuche, es inhaltlich zu bestimmen, selten gemacht, obwohl sie auch gemacht werden, so z.B. wenn Robert Nozick ein Buch “Vom richtigen, guten und glücklichen Leben” (1991) schreibt und die ihm relevant erscheinenden Lebensbereiche durchgeht. Aber genau besehen, geht es darin auch mehr um Meditationen zu wichtigen Lebensfragen als um eine Tugendlehre.
Wittgenstein macht noch eine Aussage über die Ethik als Disziplin. Er meint, die Frage nach dem an und für sich Guten ließe sich zwar stellen, ja man müsse sie stellen. Wir stellen und beantworten sie auch im Alltag (etwa, wenn wir unterscheiden zwischen der Aussage: “Dieser Mensch ist ein guter Läufer” und: “Er ist ein guter Kerl”). Aber wissenschaftlich kann man nur Unsinn dazu sagen. Alles Reden über Ethik vermehre unser Wissen in keinem Sinn. Er sagt das so: “Ich kann mein Gefühl nur mit Hilfe dieser Metapher schildern: Wäre jemand imstande, ein Buch über Ethik zu schreiben, das wirklich ein Buch über Ethik wäre, so würde dieses Buch mit einem Knall sämtliche anderen Bücher auf der Welt vernichten.” (aaO: 13) Auch Aristoteles sagt, dass das Ziel seiner Ausführungen zur Ethik nicht Erkenntnis ist, sondern Handeln, sie unbesonnenen Menschen daher nichts bringen dürften. Aber er ist nicht so radikal hinsichtlich der Aussagen zum an und für sich Guten, sondern er meint, es wäre ein Zeichen von Bildung, in allem nur soweit Genauigkeit zu verlangen, wie es dem “Wesen des Gegenstands” entspricht (aaO: 19).
Geleitet von diesen verschiedenen wunderbaren Auffassungen, und im Glauben, dass es heute nicht möglich ist, Ethik inhaltlich zu bestimmen, sondern dass man bestenfalls versuchen kann, Grundhaltungen zu beschreiben, auf denen ethisches Tun basiert, will ich doch das Risiko eingehen, etwas zu sagen, mag es Unsinn sein oder nicht, solange es einen Berater anregt, sein professionelles Handeln unter dem Aspekt des Guten zu reflektieren und zu überprüfen – ohne viel darüber zu reden, sondern indem er sich mehr auf sein Gefühl verlässt und dieses genau ansieht.

1.2. Der Siegeszug des relativ Guten und das Unbehagen daran
Ausgehend von der getroffenen Unterscheidung zwischen dem, was gut ist in einer bestimmten definierten Hinsicht, und dem, was an und für sich gut ist, scheint es mir nicht sinnvoll, von einer professionellen Ethik zu reden. Es scheint mir keine Unterdisziplinen der Ethik zu geben, eben weil es ihr nicht um das Gute in einer bestimmten Hinsicht, sondern um das Gute ohne Hinsicht geht. Das an und für sich Gute kann nicht professionsspezifisch sein. Und weil das ethisch Gute nicht in einer Mittel-Zweck-Relation gut ist, kann es auch keine Rezepte zu seiner Befolgung geben.
Der Sinn der Rede von der Ethik in den Professionen dürfte woanders liegen.

1. Professionen betreuen Handlungsfelder, die wichtige Lebensbereiche des Menschen betreffen, welche mit hoher Unsicherheit ausgestattet sind. Und Professionen sind einflussreich, weil sie auf Grund ihrer Voraussetzungen über große Eingriffsmacht verfügen: Sie sind meist rechtlich abgesichert und haben damit ein Handlungsmonopol. Sie verfügen über eine wissenschaftliche Grundlage, was ihnen den Eindruck der Objektivität verleiht und ihnen gegenüber immer noch den zwar irrigen, aber unausrottbaren Glauben an Wahrheit und Ausschluss von Willkür weckt. Außerdem sind sie in ihren Handlungsmöglichkeiten methodisch fundiert, also besonders schlagkräftig. Durch die rasante Weiterentwicklung von Erkenntnis und Methoden nimmt ihre Handlungsmacht enorm zu. Alles das flößt Respekt ein, fördert den Glauben an ihre gute Macht und verführt umso mehr zu Leichtgläubigkeit und Abhängigkeit ihnen gegenüber, als sie die benötigte und erwünschte, dem Laien in seiner bedürftigen Situation aber nicht zur Verfügung stehende Sicherheit fundiert zu vermitteln versprechen.
Damit stellen sich ethische Fragen, die wegen der beschriebenen Charakteristika der Professionen besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Etwa die Frage, ob man als Vertreter der Profession alles tun darf, was man in diesem Feld professionell tun kann, und was man in guter und nicht verbrecherischer Absicht tun möchte. Man denke etwa an die Medizin, in der man heute fragen muss, ob es in jedem Fall ethisch vertretbar ist, die vorhandenen technischen Möglichkeiten der Lebenserhaltung, der Empfängnis, der Genetik einzusetzen. Man denke an manche Psychotherapie, die den Klienten über längere Zeiträume in eine tief gehende emotionale Abhängigkeit vom Therapeuten versetzt, so dass man ihm gelegentlich geraten hat, während dieser Zeit, die sich mit der Elabo-rierung der Methode immer weiter ausgedehnt hat, keine wichtigen Lebensentscheidungen zu treffen. Ist es ethisch vertretbar, ein solches Abhängigkeitsverhältnis professionell herzustellen? Oder man denke an die Organisationsberatung, in der man gelegentlich den Auftrag erhält, eine ohnehin schon vom Vorstand getroffene unliebsame Entscheidung, die menschliche Schicksale produziert, mit dem wissenschaftlichen Anschein ihrer Notwendigkeit zu versehen.
Also gilt es einerseits, die Aufmerksamkeit auf solche Fragen, die sich durch die immer weiter anwachsende Handlungsmacht der Professionen vermehrt stellen, zu lenken. Andererseits gilt es wegen dieser Macht genau hinzusehen, ob die Profis auch geleitet sind vom Respekt vor dem Klientel.
Das sind ethische Fragen, aber sie betreffen nicht die Professionalität, wie es etwa die Frage nach einem Kunstfehler tut. Sie sind auch nicht Fragen einer professionellen Ethik. Sie gehen über die Professionalität hinaus. Sie betreffen den Einsatz der Professionalität so wie den Einsatz jedes anderen Instruments, das in menschliche Verhältnisse eingreift. Bloß haben, wie gesagt, die hier zur Diskussion stehenden Instrumente besonderes Prestige, gewaltige Möglichkeiten und große Macht. Man überlässt es daher nicht dem einzelnen Vertreter der Profession, sie für sich nach seinem Gewissen zu beantworten, sondern versucht Richtlinien aufzustellen (z.B. in Fragen der Triage) bzw. man setzt in den Professionen Instanzen der Kontrolle, so genannte Ethik-Komitees ein, die keine professionellen Fachkomitees sind und nicht nur aus Fachvertretern bestehen.

2. Es gibt noch einen anderen Grund, warum sich die Frage nach der Ethik in den Professionen aufdrängt. Aber auch diesmal geht es nicht um die Frage der Entwicklung eines solchen Undings wie einer professionellen Ethik. Es geht vielmehr um ein aus gutem Grund wachsendes Bedürfnis, dem, was ohne jede Hinsicht, ohne jeden Zweck gut ist, in neuer Form Raum zu geben, nachdem es längere Zeit kein Thema war.
Die Moderne hat zu einem Siegeszug des Prinzips der Funktionalität geführt. Die funktionale  Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Felder hat den Funktionen, die sie erfüllen sollen, größtmögliche Autonomie verliehen, die Entfaltung ihrer Eigenlogik gefördert und illegitime Eingriffe von außen erschwert. Innerhalb der gesellschaftlichen Felder wurde alles auf seine Funktionalität hin beurteilt, die es für die Gesamtfunktion des Feldes hat. Befördert wurde diese Entwicklung durch die Wissenschaften, deren eigene Entwicklung der gleichen Tendenz unterworfen war: Konkrete funktionsorientierte Aussagen, stichhaltige empirische Belege, methodisch-technische Umsetzung, darum ging es. Die Tendenz der Verwissenschaftlichung aller Teilbereiche in jedem der gesellschaftlichen Felder und die analog dazu voranschreitende Ausdifferenzierung der Wissenschaften und innerhalb jeder einzelnen Wissenschaft führten zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit in allen Bereichen.
Allerdings geschah das unter Ausschaltung der Frage, wozu das alles zusammen denn gut ist, welche Funktion, die selbst nicht wieder die Funktion von etwas ist, das alles nun haben soll. Das relativ Gute konnte sich auf Kosten der Abstinenz vom an und für sich Guten entfalten. Es lässt sich, wie wir gesehen haben, auch besser, klarer, greifbarer formulieren und in der Praxis verfolgen.
Vielleicht kann man diese Ausschaltung der Frage nach dem Guten an und für sich auch als eine Rebellion gegen die lange Dominanz eines religiös definierten absolut Guten verstehen, welches das relativ Gute sehr kurz gehalten hatte: Alles, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Politik, die Kunst usw., war nur erlaubt gewesen, soweit es mit der Religion vereinbar war, die ihrerseits mit ziemlicher Macht das Monopol über das absolut Gute ausübte. Mit dem Sieg der Rebellion wurde möglicherweise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: Das traditionelle absolut Gute, in dessen Namen vieles relativ Gute geknebelt worden war, sparte man nun einmal aus. Damit ist aber gerade das neue Prinzip der Entfaltung des relativ Guten in ein Dilemma geraten, das unter seinen eigenen Bedingungen schwer formulierbar war. Zwar breitete sich der Gedanke der Funktionalität über alles aus, drang im Verlauf seines Siegeszuges auch dorthin, wo er nichts zu suchen hatte. So etwa, wenn man heute feststellt, Mozarts Musik wirke wie ein Antidepressivum, oder Beten senke den Blutdruck, Liebe machen sei gut für den Teint usw. Die implizite Botschaft lautet: Tu etwas, um etwas anderes zu erreichen. Aber letztlich bleibt die Frage, welche im Dienst des Prinzips der Funktionalität gestellt wird, eigentümlich kastriert. Denn sie hört immer auf, bevor festgestellt werden kann, wozu das alles denn gut sein soll. Die Frage nach dem Sinn dieser Entwicklung wird ins Private des Individuums verlegt und verstummt dort.
Damit greift trotz aller wunderschönster Funktionalität ein vages Gefühl der Sinnlosigkeit von allem zusammen um sich. Denn irgendwie scheint dieser Mangel, den die Beschränkung auf die Funktionalität mit sich bringt, gerade dann dem Erleben zugänglich zu werden, wenn sich das Prinzip der Funktionalität radikal durchsetzt. Die Reaktionen auf das Erleben des Mangels können unterschiedlich ausfallen.
n    Entweder man suggeriert, wie die Werbung das tut, dass der Erwerb von etwas relativ Gutem, einer Ware oder Dienstleistung, ohnehin das an und für sich Gute mitliefert, und zwar gleich in der komplettest möglichen Form, in der Aristoteles von ihm spricht, in Form dessen also, wonach alles um seiner selbst willen strebt, in Form der Glückseligkeit. Man kauft dann nicht mehr einfach das Deodorant oder das Fitnesscenter-Abonnement oder die Beratung, wenn man das Deodorant oder das Fitnesscenter-Abonnement oder die Beratung kauft, sondern man kauft das Glück. Damit wird unter der Hand wieder nur ein relativ Gutes verwirklicht, nämlich der Erfolg der Wirtschaft, beruhend auf der zweiten unausweichlich folgenden Form der Reaktion auf den erlebten Mangel:
n    Nach dem Erwerb jedes relativ Guten stellt sich immer wieder die  Frage nach dem „Wofür“, insbesondere dann, wenn daran das Versprechen der absoluten Erfüllung geknüpft und natürlich enttäuscht worden war. Deshalb greift man gleich zum nächsten schon wieder als ultimative Erfüllung angepriesenen relativ Guten, um zu sehen, ob sich das Glück nicht dort versteckt hat. Man greift bloß etwas schneller, denn die Ungeduld ist mit der Verzögerung gestiegen. Beschleunigung ist angesagt und endlose Vermehrung des relativ Guten. Und natürlich mit Zunahme der Fülle von Angeboten ein weiteres Anwachsen der Enttäuschung und des Gefühls der Sinnlosigkeit.
n    Man fragt sich dann, ob man vielleicht selbst schuld ist an dem unausrottbaren Mangel, den man in der Fülle erlebt. Das führt zur nächsten Form der inzwischen unwillkürlichen Reaktion: Depression. Sie wieder führt zum Dauererfolg eines anderen relativ Guten, der Psychotherapie.
n    Oder man gibt sich nicht selbst die Schuld, sondern richtet die durch Dauerfrustration des Wunsches nach dem an und für sich Guten angestaute Aggression nach außen und reagiert ungerichtet destruktiv – nach dem Motto, das man meist gar nicht formulieren kann, weil das alles so unausgesprochen vor sich geht: Macht kaputt, was euch kaputt macht.
n    Oder man besinnt sich schließlich darauf, was denn da verloren gegangen ist, und belebt die Frage nach dem Guten an und für sich wieder. Weil man sich aber nicht eines Rückfalls auf die überwundene pseudoreligiöse, zu kurzschlüssige (und der Unterwerfung dienende) Reduktion von allem und jedem auf das absolut Gute verdächtig machen will, geht man sehr vorsichtig vor. Man will nicht wieder das Kind mit dem Bade ausschütten. Man will das neue Prinzip des elaborierten relativ Guten nicht aufgeben, man will bloß seiner neuen, einseitigen Herrschaft entkommen. Also kann es geschehen, dass man die Frage nach dem Guten an und für sich unter vermeintlicher Anerkennung des relativ Guten belebt. Man geht einen Kompromiss ein: Es ist nicht die Frage nach einer Ethik überhaupt, die sich zu Wort meldet, sondern nach dem an und für sich Guten im elaborierten relativ Guten: Man stellt die Frage nach der professionellen Ethik. Der Kompromiss hat einen verschämten Sinn und bleibt ein Unding, aber das Anliegen verdient Würdigung und Aufmerksamkeit.

Das sind genug Gründe, um bei der Frage nach der Ethik im Zusammenhang mit Beratung zu bleiben und sie genauer zu stellen.

2. Die drei Fragen nach dem Zusammenhang
von Ethik und Beratung
1.    Was ist das Gute (an) der Beratung?
2.    Was ist das Gute in der Beratung?
3.    Wie geht man mit ethischen Fragen um,
wenn sie in der Beratung auftauchen?

2.1. Was ist das Gute (an) der Beratung?
Wenn das ethisch Gute, wie eingangs vermutet, keinen besonderen Tätigkeitsbereich neben anderen bezeichnet, man daraus also keinen Beruf machen kann, dann kann es seinen Ort nur in den verschiedenen Tätigkeitsbereich haben. Und da das ethisch Gute im Tun liegt, wird es wohl auf die Art und Weise ankommen, wie der Einzelne in den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen handelt. Aber bevor wir ethisches Handeln in diesen Bereichen, in unserem Fall in der Beratung, untersuchen, drängt sich die Frage auf:
Ist das in allen Tätigkeitsbereichen in gleicher Weise möglich? Gibt es vielleicht solche, in denen das nicht geht oder in denen das besser oder schlechter geht als in anderen? Kann ein Soldat in Ausübung seines Kriegshandwerks ethisch gut handeln? Kann ein Vertreter einer Institution, die sich der Durchsetzung ethischer Werte widmet, unethisch handeln? Sicher ist beides möglich, sonst wären alle Soldaten Verbrecher und alle Mitglieder etwa der Caritas gute Menschen.
Kann ein Angehöriger eines Verbrechersyndikats in einer “beruflichen” Mission ethisch handeln? Das wird vielleicht schon etwas schwieriger sein, weil diese Institution verbrecherische Ziele verfolgt.
Aber ist es vielleicht in der Caritas leichter, ein guter Mensch zu sein als beim Militär? Ja und nein, kann man versuchen zu sagen. Ja, denn der Zweck der Institution der Caritas legt gutes Handeln nahe, während das Militär wegen der Gewalt, deren Ausübung zu seinem Zweck gehört, leicht zu unethischem Gebrauch davon verführt. Man denke an die jüngste Diskussion über Folter von Kriegsgefangenen und über die Skandale in der militärischen Ausbildung. Weil das beim Militär so leicht ist, führt man Kontrollen ein, und das macht es wieder schwerer. Andererseits ist es leichter, bei der Caritas ein schlechter Mensch zu sein, weil das niemand erwartet und daher weniger Aufmerksamkeit und Kontrolle dafür vorhanden ist. Man denke an die vielen Unterschlagungsskandale in den karitativen Einrichtungen.
Das würde also heißen, dass verschiedene Tätigkeitsbereiche und ihre Einrichtungen, je nach den Werten, denen sie dienen sollen, mehr oder weniger Gutes an und für sich repräsentieren und dadurch mehr oder weniger zum ethischen und unethischen Handeln einladen – also niemandem die Entscheidung abnehmen.
In einem derart definierten Sinn: Was ist das Gute, das die Beratung repräsentiert?
Dazu eine Kurzfassung unseres Verständnisses von Beratung:
Beratung ist keine Technik, die Reparaturmaßnahmen an defizientem menschlichen Handeln – sei es beruflich oder privat – vornimmt. Sie ist auch keine Technik zur besseren Erreichung der in der Beratung vorgelegten Ziele des Klienten oder Klientensystems, sogar wenn sie das auch ist.
Sie ist vielmehr eine wissenschaftlich fundierte, methodisch geleitete Reflexion vorgelegter Sachverhalte menschlichen Erlebens und Handelns in bestimmten, gut definierten Kontexten und eine Reflexion dieser Kontexte – eine Reflexion, die zur Selbstreflexion des Klienten(systems) anregen soll, und zu diesem Zweck auch die Reflexion der Beratungssituation mit einbezieht. Sie dient der Erhaltung, Wiederherstellung, Erhöhung der Handlungsfähigkeit des Klienten(systems). Die Gefahr der Einschränkung des Klientensystems liegt dabei nicht im mangelnden technischen Wissen und Können. Das wäre ein Fall für Fachberatung. Gefährdet oder eingeschränkt kann die Handlungsfähigkeit für unseren Kontext sein durch einander widerstrebende Tendenzen, Interessen, Teilbereiche des Erlebens und der Tätigkeit, die für das Überleben des Systems unabweisbarer sind, oder aber widerstrebende Interessen zwischen ihm und den für sein Überleben relevanten Umwelten.
Was ist nun das an und für sich Gute der Beratung?

1. Anerkennung der Eigendynamiken der Klientensysteme
Selbstreflexion von Tätigkeit ist insbesondere in Beratungszusammenhängen immer auch auf das Ziel der Tätigkeit hin orientiert und auf den Prozess, der zum Ziel führt. Sie überprüft die Brauchbarkeit des Ziels und hilft den Prozess, der zu ihm führen soll, zu optimieren. Sie hat insofern in der Beratung eine Funktion, ist gut für etwas, ist also relativ gut.
Aber sie hat gleichzeitig den Bezug auf das Selbst, sie hat sozusagen auch eine zwecklose Dimension: Sie soll dem Selbst dienen, ohne einen weiteren Zweck. Ihr geht es um die Erhaltung des Selbst als es selbst, d.h. in seiner Fähigkeit, sich in Selbstreflexion selbst zu organisieren und damit sich selbst in seiner Besonderheit, die es unterscheidet, zu erhalten – immer in seinen relevanten und in der Beratung fokussierten sozialen Bezügen. Das kann zur Abwägung einander widersprechender Werte und einer konflikthaften Entscheidung zwischen ihnen führen.
Ist der Klient und Gegenstand der Beratung eine Person, dann wird es um seine Erlebnis- und Handlungsfähigkeit in den relevanten Lebensbezügen gehen (Arbeits- und Liebesfähigkeit hat Freud das genannt). Dabei werden einander widersprechende seelische Strebungen miteinander zum Ausgleich kommen müssen. Ist der Klient und Gegenstand der Beratung ein personenorientiertes soziales System (in der Paar- und Familienberatung), dann wird es um dessen Erhaltung gehen, allerdings immer in Relation zu seinen Mitgliedern und deren Selbst – was gelegentlich auch die Auflösung des Systems zur Folge haben kann (z.B. Scheidung, um die Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten der Personen nicht unangemessen zu beschneiden). Ist der Klient ein funktionsorientiertes soziales System (Organisation), dann sieht es wieder anders aus. Es geht dann um die Überprüfung der Funktionalität oder um die Bewältigung vorgegebener Aufgaben, etwa eine Veränderung der Strukturen und Abläufe, die Zusammenlegung von Abteilungen usw., alles unter Berücksichtigung der Auswirkung auf die Funktionsträger als Menschen. Auch hier wird es zur laufenden Abwägung einander widersprechender Werte kommen, weil die Organisationen im Lauf ihrer funktionalen Ausdifferenzierung die Eigenlogiken der einzelnen Bereiche voll zur Entfaltung gebracht haben, und so die bisher institutionell gebändigten Widersprüche virulent geworden sind. Dazu werden sich noch die Widersprüche zwischen den logischen Systemebenen, die in der Organisation miteinander verbunden sind, heute besonders deutlich zeigen. Die Menschen und ihre Eigeninteressen, die der Logik der Organisation widersprechen, fordern ihr Recht als relevante Umwelten der Organisation. Die Teams als personenorientierte Arbeitsformen, die immer zentraler für das Überleben der Organisationen werden, folgen ihrer eigenen Logik, die Konflikte mit der Organisation schaffen usw.
D.h., die Beratung als Handlungsfeld ist getragen von der Anerkennung des Klienten(systems) in seiner spezifischen Besonderheit als etwas, das einen Wert an sich darstellt. Das Charakteristische dieser über gemeinsame Reflexion mit dem Klienten hergestellten Anerkennung des Klienten liegt darin, dass sie sehr praxisbezogen zu seiner Selbstanerkennung führt. Das ist sozusagen institutioneller Grundbestand jeder Beratung, fest in ihr eingeschrieben, noch jenseits davon, ob das professionelle Handeln des einzelnen Beraters von diesem Wert geleitet wird oder nicht – Wittgensteins Staunen in professions-spezifisch institutionalisierter Form. Das psychologische Äquivalent dieses an und für sich Guten wird in der Beratung landläufig – und, verglichen mit diesem Staunen, mit etwas flachem Pathos – Respekt vor dem Klienten, seinem Anliegen, seinem Ziel, seiner Fragestellung, seinem Problem, was auch immer, genannt.

2. Interesse am Gegenstand
Die Anerkennung der Eigendynamik der Systeme verlangt entsprechende Arbeit an ihrem immer tieferen Verständnis und immer besserer Kenntnis. Beratung muss fundiert sein durch angemessene systematisch vervollständigte Erkenntnis der Eigendynamik der Systeme und ihrer internen Widersprüche. Schließlich gilt es dann, in der Beratung nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Dazu gehört, dass der Berater den state of the art beherrscht, also ausreichend informiert ist über die neueren Entwicklungen in seinem Feld, theoretisch ebenso wie methodisch-praktisch – ohne sich dabei seine situationsbezogene Entscheidungsmöglichkeit abkaufen zu lassen, mit der er sich gelegentlich auch gegen das professionelle Wissen und Können wird wenden müssen, um in einem umfassenderen Sinn professionell zu bleiben.
Doch das sind eher Selbstverständlichkeiten, die eigentlich keiner Diskussion bedürften und hinsichtlich derer Ethik und Professionalität in der Beratung sich nicht voneinander unterscheiden. Man kann sich also tatsächlich ersparen, hier von Ethik zu sprechen. Es fügt einer Selbstverständlichkeit einen unnötigen Anspruch hinzu. Auch wenn uns der Verdacht weiterhin begleiten wird, dass es sich mit dem Anspruch der Ethik in der Beratung weitestgehend so verhält, sehen wir genauer hin, was das Gesagte gerade in der heutigen gesellschaftlichen Situation für die Beratung bedeutet.

3. Der soziale “Lebensstrom” – oder die Bedeutung von nur
beschränkt fassbaren Zusammenhängen
Die Systemtheorie hat einer höchst relevanten Dimension der Beratung einen klaren Begriff zur Verfügung gestellt, der auf ihre Praxis Einfluss hat: Das Verhältnis von System und Umwelt als zentrale Kategorie. Wenn man Klienten als Systeme sieht, so heißt das, sie sind nicht als autarke Substanzen zu erfassen, sondern immer nur in Relation zu anderen Systemen zu sehen. Dieses Verhältnis von System und Umwelt spiegelt sich innerhalb des Systems, das selbst auch als ein mit einer Grenze versehenes System von aufeinander abgestimmten Systemen und ihren Umwelten aufzufassen ist. Letztlich löst sich alles in einen über die jeweiligen Systemgrenzen vermittelten, sein laufendes Ungleichgewicht ausgleichenden unfassbaren Gesamtzusammenhang von Zusammenhängen auf. So sehr jedes System in seiner Eigendynamik also für sich fassbar ist, so wenig ist es das auch. Pragmatisch wird in der Beratung das komplexe Verhältnis von System und Umwelt auf die Berücksichtigung der so genannten relevanten Umwelten limitiert. Aber der Tendenz nach weist das Konzept in Richtung auf ein nicht fassbares Ganzes als einen Wert. Früher hat man von der Schöpfung gesprochen und Ehrfurcht vor ihrer Unfassbarkeit angemahnt.
4. Entfaltung der Reflexivität, die den Beratungsgegenständen eigen ist. Selbsterkenntnis als Wert
Von der Reflexion und Selbstreflexion wurde schon unter dem Aspekt der Anerkennung und Selbstanerkennung als Wert gesprochen. Sie soll hier nochmals unter dem Aspekt der Selbsterkenntnis, die traditionell als an und für sich gut angesehen wurde, hervorgehoben werden. Es scheint bemerkenswert, dass sie immer als Wert angesehen wurde – allerdings nur für das Individuum, nicht für soziale Systeme, denen sie genauso eigen ist wie dem einzelnen Menschen. Traditionell war sie in hierarchisch strukturierten Systemen eher mit einem Tabu belegt, denn ihr wohnte die Gefahr inne, die Stabilität der Systeme zu erschüttern. Auch dem Einzelnen wurde sie nur abverlangt zum Zweck der Überprüfung seines Tuns in Hinsicht darauf, ob es mit den Normen und Geboten, die zum Erhalt der Stabilität der Systeme aufgestellt wurden, übereinstimmt, also als Gewissenserforschung. Der freien Selbstbestimmung und -entfaltung sollte sie gerade nicht dienen.
Heute ist die Entfaltung der Reflexivität zur Überlebens-Notwendigkeit geworden, weil die Systeme, die sich zum Gegenstand der Beratung eignen, kaum mehr durch vorgegebene Regeln und Normen abgesichert sind, sondern sich in Selbstbeobachtung und Selbstreflexion immer wieder neu konstituieren müssen.
Genauso verhält es sich mit dem “guten” Tun. Es ist auch nicht durch einen Katalog von Geboten abgesichert, sondern muss vielmehr von Fall zu Fall durch genaue Beobachtung der relevanten Bedingungen des Handelns, der aufeinander treffenden Widersprüche aller Art, und durch Beobachtung der Beobachtungen, also durch Selbstbeobachtung und Selbstreflexion situativ entwickelt werden. Reflexion und Selbstreflexion stellen heute Bedingungen der Möglichkeit guten Handelns dar.
Beratung führt durch ihr reflexives Vorgehen eine Ebene der Beobachtung und damit der Distanz ein, aus der heraus es möglich ist, mit der Relativität der entscheidbaren Sachverhalte verantwortlich umzugehen

Der Autor

Peter Heintel

Professor für Philosophie und Gruppendynamik (Universität Klagenfurt); Wissenschafter in der Abteilung Weiterbildung und systemische Interventionsforschung der [...]

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