Sozialkritik, Psychologie, Mediation, Supervision, Organisationsberatung, Eventkultur, Trauma,

Eventkultur

Dr. Harald Pühl
ISBN 978-3-934391-38-3
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240 Seiten Hardcover

Ereigniskonsum als Abwehrritual in der globalisierten Gesellschaft

Vogelgrippe, Rütli-Schule, Pisa, G8-Gipfel – der öffentliche Raum wird heute unübersehbar beherrscht von einer Kultur des hektischen Wechsels kurzfristig dominierender Themen und Ereignisse. Für einen Moment scheint dieses Ereignis oder Problem alle anderen an Wichtigkeit und Dringlichkeit zu überstrahlen. Schon nach kurzer Zeit entschwindet das Thema der Aufmerksamkeit und in der Masse der meist weiterhin ungelösten Probleme, um einem neuen Hype Platz zu machen. Die Industriegesellschaft hat tiefe Eingriffe in die biologischen Systeme des Planeten ermöglicht. Manche von ihnen, wie die Atomkraftwerke, erfordern ein Denken in Zeiträumen, welche den mittelalterlichen Traum vom Millenium verzwergen. Im sozialen Leben bemerken wir, dass die Bereitschaft zu körperlicher Ausdauer in „niederen“ Arbeiten in den fortgeschrittenen Gesellschaften schwindet und nur durch Zugriff auf stärker traditionell bestimmte Kulturen die entstehenden Lücken in Landwirtschaft, Hausarbeit oder Pflege ausgeglichen werden können. In der Erziehung wird deutlich, dass emotionale Defizite über Generationen hin fortwirken und die durch instabile, nachlässige oder extrem kränkbare Eltern gesetzten Schäden nur unzureichend behoben werden können. Ob es um die Umwelt, die Psychohygiene oder die Struktur von Organisationen geht – überall beobachten wir, dass hektische Veränderungen dominieren und langfristige Pläne fehlen. Dabei könnten viele sonst nicht wieder gutzumachende Schäden durch Ausdauer und Geduld vermieden werden. Solche Beobachtungen legen nahe, in einer modernen Gesellschaft besonders sorgfältig und mit langfristigen Konzepten zu planen. Beklagt wird jedoch in vielen Bereichen das Gegenteil. Immer schneller werden Entscheidungen gesetzt und Einschnitte in Traditionen vorgenommen. Einflussreiche Gruppen scheinen mehr auf den augenblicklichen Eindruck, die nächste Wahl, die Zwischenbilanz, die Aktionärsversammlung hinzuarbeiten. Das Spektrum reicht vom Automodell, das zurückgerufen werden muss, bis zum Gesetz, das Nachbesserungen benötigt und unerwartete Schäden anrichtet. Das hier entwickelte und in teils analytischen, teils persönlichen Beiträgen skizzierte Konzept der „Eventkultur“ sammelt Beschreibungen, Modelle und Ansätze, um solche Erscheinungen besser zu verstehen. Die Autoren versuchen, sie kulturell zu verorten, ihre positiven und negativen Aspekte herauszuarbeiten. Sie vermitteln nicht nur überraschende Perspektiven, sondern auch Einsichten, welche eine Orientierung im Event-Dschungel ermöglichen.

 

Inhalt

Harald Pühl und Wolfgang Schmidbauer

Annäherung an den Event, Peter Heintel –

Event als Angebot einer “Großgruppenkultur” in der Übergangsgesellschaft, Gudrun Brockhaus

Aber die Fackelzüge! Der Nationalsozialismus als Vorläufer der Eventkultur, Harald Pühl

Wir sind alle Helden: Der Triumph und das Glück, Rainer Lucas

Unternehmenskommunikation in der Erlebnisgesellschaft, Wolfgang Schmidbauer

Events im psychosozialen Feld, Klaus Ottomeyer

Event und Trauma, Jochen Wagner

Göttlich ausschaun, tierisch abgehn – Events als Doubles des nie gelebten Lebens

 

 

Leseprobe:

Event-Evolution

Man kann die so genannte Eventkultur nicht verstehen, ohne sich erst einmal ihrem Paradox zuzuwenden: Kulturentwicklung ist seit Ackerbau, Städtegründung und Rechtsstaat eng mit dem Versuch verknüpft, weniger Ereignisse zuzulassen. Das Leben des Jägers und der Sammlerin während der Altsteinzeit ist stark von Ereignissen geprägt gewesen. Die Jagd tastet sich von einem Ereignis zum nächsten, große Beute ist ein großes Ereignis, alle Stammesangehörigen versammeln sich, um zu feiern und zu speisen.

Der Bauer hingegen ist froh und dankbar, wenn es im Winter schneit, im Frühling regnet, im Sommer die Sonne scheint, so dass er im Herbst die Ernte einfahren kann. Ebenso der Städter: Wenn der Organismus der Stadt funktioniert, keine großen Brände oder Belagerungen Unruhe schaffen, keine spektakulären Verbrechen geschehen, ist es ihm angenehm. Die menschliche Kultur ist entstanden, um möglichst viel Unvorhersehbares vorhersehbar zu machen und es zu regeln. Geschriebene Gesetze sorgen dafür, dass dem Richter wie dem Angeklagten klar ist, was wie zu strafen sei. Die Naturwissenschaft hat vielen Ereignissen ihre dramatische Bedeutung genommen; wir wissen, wann sich die Sonne verfinstern wird, wir können es uns erklären, warum Epidemien ausbrechen und wie wir sie verhindern können. In den modernen Gesellschaften haben Technik und Bürokratie erreicht, dass dramatische Ereignisse selten geworden sind.

So selten, dass die Menschen anfangen, sich zu langweilen. Der altsteinzeitliche Jäger begegnete einer Schlange, einem Löwen, einem Büffel; jedes Mal produzierte sein Organismus Stresshormone, erlebte er Ängste und Glücksgefühle. Der Sachbearbeiterin wird das nicht ins Büro geliefert. Inszeniert sie sich ihre Säbelzahntiger selbst, indem sie sich in ihren Chef verliebt oder eine Intrige gegen eine Vorgesetzte spinnt? Oder gibt sie sich mit den fiktiven Ereignissen zufrieden, die uns umso intensiver von den Medien geliefert werden, je weniger wir sie im realen Leben auffinden.

Der durchschnittliche Detektiv in New York feuert höchstens einmal zwischen Dienstantritt und Pensionierung auf einen Menschen. Der durchschnittliche Polizist in einer Kriminalserie tut das jeden Tag mehrmals. Wer im tropischen Regenwald wandert, trifft tagelang auf kein Tier, das größer ist als ein Frosch oder ein Schmetterling. Wenn ein Hollywood-Star mit von der Partie ist, geführt von einem Verwegenen mit Machete und Jagdgewehr, kommen in wenigen Minuten eine Riesenschlange und ein Tiger vorbei.

Die optischen Massenmedien haben unsere Urteile dramatisch verändert. Sie haben es dahin gebracht, dass wir Ereignisse als inszeniert erleben, bis sie uns betreffen oder von den Medien als wirklich geschehen dargestellt werden. Von den Passanten, die aus größerer Entfernung das Attentat auf die Twin Towers vom 11. September 2001 beobachteten, dachten viele, das sei jetzt ein gewagter Stunt für irgendeine Filmproduktion. Erst als sie hörten, was geschehen war, nahmen sie diese Form der Derealisierung zurück. Wenn Passanten heute einen Selbstmörder auf einem Dach sehen oder beobachten, wie ein Bankräuber mit einer Geisel aus einem Gebäude tritt, johlen und klatschen sie, als sei das Ganze eine Show für sie. Dann empören sich die Medien über diese Zeichen einer Verrohung, als seien ihre Konsumenten verpflichtet, den seltenen Ernstfall zu erkennen.

Ereignisangst, Ereignislust: Persönliches

Der Autor hat seine ersten bewussten Erinnerungen noch im Krieg gesammelt; er hat die Währungsreform, das Wirtschaftswunder, die 68er Jahre und schließlich die deutsche Wiedervereinigung erlebt – und während dieser Zeit auch die Entwicklung der optischen Massenmedien und der Eventkultur. Als 1957 der erste Fernseher (Neckermann, schwarzweiß, 299.- DM) in unseren Haushalt kam, zeigte sich noch das Ungeschick einer bildungsbürgerlich geprägten, vaterlosen Familie aus Mutter und zwei Söhnen in der Verarbeitung solcher Neuerungen.

Erst stand die Kiste im Wohnzimmer. Meine Mutter wollte sie loshaben, weil sie an vielen Abenden lieber las, als das damals noch einzige Programm zu sehen, welches ihre Söhne meist vom Beginn der Abendschau um 18.00 Uhr bis zum Testbild um 22.00 Uhr betrachteten. So stellte mein Bruder den Fernseher bei sich auf. Er war zwei Jahre älter und hatte von uns beiden das größere Zimmer. Aber manchmal wollte ich das Programm noch sehen und er wollte schon ins Bett. Anderseits hatte er versprechen müssen, mich zu dulden, so lange ich schauen wollte. Schließlich kam der Fernseher in den Heizungskeller, wo er auch blieb, so lange ich noch bei meiner Mutter wohnte.

Das Fernsehzeitalter löste die unmittelbare Nachkriegszeit ab, in der die meisten Menschen froh waren, wenn sich nichts dramatisch, aber das meiste allmählich zum Besseren veränderte. Der Slogan „Keine Experimente!” galt in seiner ganzen Fortschritts- und Wissenschaftsfeindlichkeit für die Adenauer-Ära.

Die Deutschen hatten von Aufregungen genug, der Krieg steckte ihnen in den Knochen, niemand wollte an die NS-Verbrechen erinnert werden, aber auch über die Leiden während des Krieges sprach man wenig; selbst die Flüchtlinge sparten sich ihre Klagen auf für die landsmannschaftlichen Treffen, wo sie unter sich waren. Wenn ich mich an diese Zeit erinnere, wundere ich mich oft, wie wenig meine soziale Umwelt und ich auf Ereignisse von „historischer” Bedeutung reagierten – den Tod Stalins, den Aufstand in Ungarn, den Koreakrieg, den Mauerbau.

Die Fußballweltmeisterschaft von Bern war vielleicht das erste Ereignis mit einer im Nachhinein rekonstruierbaren Event-Qualität, allerdings nicht in dem Sinn, dass alle darüber sprachen. Das taten nur junge Männer; meine Mutter und die Großeltern blieben von dem Ereignis vollständig unberührt.

Das änderte sich fühlbar in der 68er-Zeit. Damals tauchte der Begriff „Happening” auf. Happening war sozusagen ein nicht ganz ausgewachsener Event, spielerisch, kindlich, kreativ, etwas für Avantgarden. Die Studentenbewegung führte dieses Happening in die Politik ein – auf den Richtertisch zu scheißen, mit Trillerpfeifen eine Vorlesung zu stören, den Ordinarien voranschreitend ein Spruchband zu entrollen („Unter den Talaren – Der Muff von Tausend Jahren!”) sind Beispiele.

Schon damals kündigte sich auch jener subtile Wettlauf an, der bis heute den Event bestimmt: Gelingt es, durch ein selbst gesetztes und inszeniertes Zeichen nicht nur, die Medien aufmerksam zu machen, sondern sie auch tatsächlich für das Problem zu interessieren, auf das aufmerksam gemacht werden soll? Oder entwertet sich ein Anliegen, weil es jetzt von den Medien zur Show gemacht und trivialisiert wird?

Heute trösten PR-Fachleute den Kunden, der gekränkt ist, weil sein Buch verrissen, sein Film der Lächerlichkeit preisgegeben wurde, mit dem Schlagwort: „There is no bad publicity!” Anders gesagt: Jede Aufmerksamkeit ist besser als keine; von den Medien ignoriert zu werden, ist ärger als ihr hämischster Tadel. Selige Frühzeit des Happenings, in der solche Fragen noch gar nicht diskutiert wurden! Hauptsache, die Aktion hatte Spaß gemacht.

Die Rolle der „Kreativen”

Zu Beginn meines Studiums der Psychologie im Jahr 1960 suchte ich einen Job und fand ihn im Archiv der Redaktion eines Ärztemagazins. Einmal war jemand ausgefallen, ich wurde eingeladen, kleine Meldungen zu texten. Nach einigen Monaten galt ich als Jungtalent der Redaktion, stand bald auch im Impressum und fühlte mich entsprechend gebauchpinselt.

Bisher war ich ein heimlicher Dichter mit Träumen von literarischem Ruhm gewesen, der – um sich über seine Unsicherheiten klarer zu werden – Psychologie studierte. Nun schrieb ich keine Gedichte für die Schublade mehr, sondern „wichtige” Kongressberichte und später Titelgeschichten.

In der Medizinpresse spiegelt sich damals die Entwicklung des Medienmarktes insofern, als in unserem Blatt nach dem Motto agiert wurde, ein Bild sage mehr als tausend Worte; der Leser müsse sogleich durch einen „Aufhänger” gewonnen und dann durch einen möglichst flotten Stil bei der Stange gehalten werden.

So habe ich aus der Perspektive des Medizinreporters die nächsten Schritte hin zur Eventkultur miterlebt. Wie das bei solchen Entwicklungen ist, wusste ich anfangs keineswegs, dass sich da etwas änderte und ich ein Teil davon war. Die wissenschaftlichen Zeitschriften für Ärzte waren damals lukrativ, weil sie – anders als die meisten anderen wissenschaftlichen Zeitschriften – schöne bunte Anzeigen für Arzneimittel in reichem Maß drucken und dafür viel Geld kassieren konnten. Die Einnahmen über die Abonnenten, welche sonst wissenschaftliche Zeitschriften finanzieren, konnten die Verleger demgegenüber vergessen. Kein Wunder, dass dieser Sektor des Zeitschriftenmarktes eine Goldgrube war.

Nur wenige Ärzte lasen die langweiligen Originalarbeiten. Das Magazin Selecta war als Firmenzeitschrift entstanden, aber es war schmissig gemacht, suchte nach internationalem Flair, warb mit Abbildungen und prägnanten Texten, einer Titelgeschichte, Kongressberichten und Standespolitik. Selecta war ein guter Werbeträger und machte seinen Gründer, Herausgeber und Chefredakteur reich. Verglichen mit der gleichzeitig erscheinenden Nummer der „Münchner Medizinischen Wochenschrift” oder der „Ärztlichen Praxis” war Selecta ein Event, und ich war ein Teil davon.

Ohne die vielen „Kreativen”, die stolz darauf sind, ein Thema möglichst eingängig und überzeugend in das Erleben ihrer Konsumenten zu zaubern, sähe die öffentliche Landschaft ganz anders aus. Dabei gibt es subtile Zusammenspiele zwischen diesen Kreativen und ihren Chefs. Wer geschickt zum Ereignis aufbläst, was der Chef aufgeblasen wissen will, erhält Gestaltungsfreiheit und darf auch einmal ein Thema aufblasen, das nur ihm etwas bedeutet und dem Chef gleichgültig ist.

Die Medien sind zwar untereinander vernetzt, aber der Tanz um das goldene Ereignis-Kalb hat keine strikten Regeln. Manchmal „müssen wir unbedingt auch berichten”, dann wieder „ist das Thema schon von den anderen erschöpft”. Ehe ich in der Selecta-Redaktion arbeitete, hatte ich keine Ahnung davon, dass es etwas bedeutet, wo ein Thema steht und welches es auf den Titel „schafft”.

Ich habe einige Jahre als festangestellter Redakteur und Fotograf gearbeitet und bin bis heute neben meiner Arbeit als Therapeut und Supervisor als Freelancer in den Print-Medien beschäftigt. Wenn ich heute mit jungen Medienarbeitern zu tun habe, können sie die Geschichten aus meiner idyllischen Zeit als freier Autor kaum glauben. Ich konnte es mir leisten, in der Toscana zu leben und nur zweimal jede Woche die Post im Dorf abzuholen; es gab kein Telefon, keine Mail, und es funktionierte doch irgendwie.

Die Geburt eines Events

Die Zeugung eines Events verläuft nach meinen Eindrücken als Mitarbeiter in den (Print-)Medien in mehreren Etappen; es ist vielleicht ähnlich wie in der Zeugung eines Menschen, in der ja ebenfalls nur eines von vielen Spermien tatsächlich bis zu einer fruchtbaren Eizelle vordringt und mit ihr verschmilzt.

Der Kreative erfährt von etwas, aus einem Medium, von einer Bekannten, von der Polizei, von einem Informanten. Er sortiert: Das ist kein Thema, das ist vor kurzem schon da gewesen und erschöpft. Oder: das ist ein Thema, das ist wichtig, das könnte ein Medium aufgreifen und ich selbst kann damit Platz in diesem Medium erobern.

Die Event-Zeugung ist also zuerst einmal daran gebunden, dass genügend ehrgeizige, neugierige, suchende Medienschaffende das betreffende Ereignis für geeignet halten, sich damit Platz in einer Redaktionskonferenz und – wenn sie es durchsetzen können – auch Raum im Blatt, im Sender, auf dem Bildschirm zu verschaffen.

Die Situation lässt sich mit dem Verhältnis zwischen Jäger und Hundemeute beim britischen Landadel vergleichen: Der Lord sitzt gelassen auf dem Pferd, während die Hunde jeden Busch durchschnüffeln und nach Wild suchen. Je mehr sie finden, desto mehr Beute kann er nach getaner Jagd in sein Schloss karren lassen.

Sobald die Hunde etwas aufgescheucht haben, entscheidet der Jäger, ob es sich um jagdbares Wild handelt oder nicht. Die Arbeitsteilung funktioniert perfekt. Die Spürhunde konkurrieren miteinander, jeder findet seine Fährte am wichtigsten; der Lord aber wägt ab und bezieht Interessen ein, welche die Spürhunde nicht kennen.

Bei Selecta beispielsweise hatte ich viel Freiraum, wenn es um Psychologie ging, sehr wenig, wenn es sich um die Pharma-Industrie handelte. Ich begann meine Arbeit in der Redaktion, als gerade die Contergan-Katastrophe offenkundig wurde. Ein als harmlos beworbenes Schlafmittel hatte dazu geführt, dass einige hundert Kinder mit schweren Missbildungen geboren worden waren. Die angeschuldigte Firma leugnete den Zusammenhang energisch. So wurde er (für uns) kein Event, bis die Zusammenhänge anderswo vollständig geklärt waren und „wir” es uns nicht mehr mit unseren Anzeigenkunden verdarben, wenn wir eine Titelgeschichte darüber veröffentlichten.

Was ich über die Eventkultur schreibe, lässt sich besser einordnen, wenn sich der Leser vergegenwärtigt, wie polar die beiden Berufe sind, welche ich damals zu lernen begann: der des Publizisten und der des Psychoanalytikers. Eine Grunderfahrung des Journalismus besagt, dass zwar jede Woche eine neue Sau durch das Dorf getrieben wird, diese aber in Wahrheit keine neue Sau ist, sondern sich nur durch die Schleife am Schwanz von der Sau unterscheidet, die drei Monate früher dran war.

Jede „Nachricht” muss von sich behaupten, wichtig zu sein, was heißt: Sie muss sich wichtig machen und von ihrem Autor wichtig gemacht werden. Das ist vor allem ein innerer Prozess im Autor selbst, der die Fähigkeit braucht, überzeugt zu sein, dass ein Thema, mit dem er sich gerade beschäftigt, das wichtigste von der Welt ist, obwohl er sich eine Woche oder einen Monat später mit einem nicht minder wichtigen beschäftigen wird.

Der Kreative schafft den Event, indem er ein Ereignis für horizontfüllend wichtig hält – ähnlich, wie der Jagdhund seine Beute schafft. Er nutzt einen seelischen Mechanismus, der aus den Beschreibungen der Hysterie bekannt ist: die manische Abwehr des Alltags, der Routine. Mein Kind ist das schönste, mein Essen (oder das Essen des Gastgebers) das Beste, dieser Orgasmus der lustvollste, der je erlebt wurde. Superlative kompensieren Unsicherheit und einen Mangel an wertfreiem Leben. Wo alles als Skala erlebt wird, bietet der höchste Wert prekären Halt über Abgründen der Bedeutungslosigkeit.

Ich betrachte heute den Journalismus aus der Distanz des Analytikers. Aus dieser scheint unsere Welt immer journalistischer geworden, stärker von vergänglichen Superlativen geprägt. Ich vermute, dass diese Entwicklung damit zusammenhängt, dass die Skepsis der Soldaten, Trümmerfrauen, Flakhelfer und Kriegskinder verblasst, mit ihr die Aversion gegen nationales Pathos.

Nationalismus ist einer der billigsten Superlative. Als junger Erwachsener beherrschte mich vorwiegend das Gefühl, deutsche Siege seien peinlich. Ich konnte es auch mit anderen teilen. Damit würde ich heute nicht mehr rechnen. Wenn es im Sport um die eigene Mannschaft geht, ist schon seit vielen Jahren Superlativismus selbstverständlich. Jeder Sieg wird zum Event und auf der Fan-Meile in einem stereotypen Ritual mit Fahnen und Hupkonzerten begangen, kopflose Menschen in dachlosen Autos.

Die Psychoanalyse hingegen ist so wenig Event, dass sie in ihren Darstellungen in den Medien eigentlich niemals korrekt gespiegelt wurde. Im Alltag einer Praxis liegt der Patient ruhig da, der Analytiker sitzt, die Stunde vergeht in einem bald ruhigen, bald emotional aufgewühlten Gespräch. Aber es muss nur eine Kamera auf diese Szene gerichtet sein und schon passiert viel mehr.

Der Analytiker steht auf, gestikuliert, der Patient, läuft herum, es wird Tee serviert, eine Decke gebreitet, eine Umarmung versucht und angenommen oder abgewehrt. Es ist wirklich ganz ähnlich wie im Leben des New Yorker Detektivs: Solange keine Kamera präsent ist, zieht er seine Schusswaffe einmal in seinem Leben; sobald die Kamera seine Arbeit verfolgt, knallt es jeden Tag.

Der Beschleunigungs-Wahn

Als Buchautor habe ich die Event-Orientierung am eigenen Leib miterlebt. Früher hatte ein Buch Zeit, seinen Platz auf dem Markt zu erobern. Bücher blieben länger lieferbar, sie wurden noch zwei Jahre nach Erscheinen rezensiert. Heute entscheidet sich das Schicksal eines Buches in den ersten Wochen um seine Publikation. Wenn es in dieser Zeit nicht genügend Aufmerksamkeit gewonnen hat, ist es meist mit ihm vorbei. Die wichtigen Medien rezensieren nicht in aller Ruhe, wenn das Buch auf dem Markt ist. Sie erhalten vorab die Fahnen, die Besprechung ist fertig, ehe jemand das Buch gekauft hat, nur um dem Konkurrenten zuvorzukommen. Die Buchhändler schicken gnadenlos nach einigen Monaten zurück, was kein Seller zu werden verspricht.

Gleichzeitig werden immer mehr Bücher und Zeitschriften veröffentlicht. Der Ereignis-Hype erinnert an das Verhalten Ertrinkender: Der Zeitstrom fließt so schnell, die Vergänglichkeit des heute extrem wichtigen ist ebenfalls so extrem, dass jedes Ereignis in den Medien gewissermaßen die Arme hochreißt und aus Leibeskräften schreit, ehe es versinkt.

Vor hundert Jahren schlachtete man ein Schwein, wenn es drei Jahre alt war. Dann hatte es genug Fett und Fleisch angesetzt, um jenen Braten zu liefern, der Älteren in Erinnerung ist und den es gegenwärtig sauteuer im Bioladen gibt.

Heute werden die mit zusätzlichen Rippen und viel schnellerem Fleischansatz gezüchteten Schweine in acht Monaten „schlachtreif” gemästet. Ein Sophist hat diese Entwicklung hochgerechnet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass wir im Jahr 2020 die Sau schon schlachten werden, ehe sie geboren ist.

Ich blättere manchmal in einem Reprint des Metallwarenkatalogs der Firma August Stukenbrok in Einbeck aus dem Jahr 1926. Die Waren werden abgebildet und haben immer dieselben Eigenschaften, sie sind fein vernickelt, bewährt, gute Qualität. Keine will etwas Besonderes sein. Wenn ich abends ins Kino gehe, kann ich den ganzen Unterschied ermessen, den der amerikanische Werber-Spruch angekündigt hat: Don’t sell the steak, sell the sizzle! Verkaufe nicht das Steak, verkaufe sein Zischen in der Pfanne, verkaufe die Vorfreude, die Erwartung, das Symbol für große Dinge, freie Landschaften, wunderbare Menschen, rauschende Erfolge. Kurzum: Appelliere an die manische Abwehr, an die Illusion von Grandiosität, an den Glauben.

Wie besessen, so vergessen

Zu den erstaunlichen Leistungen der mittelalterlichen Stadtkultur gehört das Bauen großer Kirchen. Der Dom war ein Symbol für den Stolz und den Leistungswillen der Bürger; darüber hinaus drückt er aber auch ein erstaunliches Vertrauen in den Beitrag der nächsten Generation aus.

In Florenz hatten die ehrgeizigen gotischen Baumeister Längs- und Querschiff grandios dimensioniert, um den Rivalen Siena zu übertreffen – so groß, dass fast hundert Jahre vergingen, ehe ein Baumeister heranwuchs, der diese Vierung überwölben konnte. So lange stand der Dom unter Notdächern, provisorisch genutzt, im Herzen der Stadt und wartete auf die noch nicht vorhandene Bautechnik der Renaissance zu seiner Vollendung.

Der Dom von Siena verbindet romanische und gotische Elemente. Sein Fußboden ist mit Marmorintarsien und Ritzzeichnungen geschmückt. Über mehr als drei Jahrhunderte wurde an diesem Dom gebaut. Aber neben der Fassade erkennt man Spuren einer riesigen Vierung, Reste eines gigantischen Projekts, das nicht vollendet werden konnte. Die Stadtväter von Siena wollten, um Santa Maria del Fiore in der großen Rivalin am Arno zu übertreffen, den vorhandenen Dom als Querschiff für eine neue Kirche nutzen, deren Dimensionen alles damals bekannte in den Schatten stellen würden.

Vor einigen Jahren sprach ich mit einem jungen evangelischen Pfarrer. Er hatte eine halbe Stelle in der Gemeinde (die andere Hälfte gehörte seiner Ehefrau). Daher wollte er neben seiner Arbeit in der Kirche als Supervisor und Coach arbeiten. Er ließ sich von mir beraten, wie er sich in diesem für ihn neuen Aufgabenfeld bewegen sollte.

Gegenwärtig lagen ihm zwei Anfragen vor, die erste von einem Kindergarten, der eine Teamsupervision wollte, die zweite von dem Geschäftsführer einer kleinen Softwarefirma, der ein Coaching für seine Mitarbeiter suchte.

„Ich mache jetzt erst einmal den Kindergarten”, sagte mein Gesprächspartner. „Für ein Coaching im Profit-Bereich bin ich noch nicht so weit, ich werde Bescheid geben, dass ich in drei Jahren gerne auf sein Angebot zurückkomme!” Ich musste lachen. Er erkundigte sich, was denn daran komisch sein könne. „Ihr Vertrauen, dass es diese Firma dann noch gibt!” sagte ich.

Eine beruflich erfolgreiche Betriebswirtin, die wegen ihrer Beziehungsprobleme Hilfe suchte, erzählte mir von ihrer Hochzeit. Diese sei das Einzige gewesen, was sie in dieser Ehe nie bereut habe. Im Grunde habe sie nicht die Ehe geschlossen, um ihre Liebe zu besiegeln, sondern um endlich ihre Traumhochzeit feiern zu können. Sie habe eine mittelalterliche Burg ausgesucht, alle Gäste seien kostümiert gewesen, es gab eine Kutsche und ein Brautkleid mit langer Schleppe, einen Pfarrer, ein kleines Orchester, einen Polterabend mit Brautraub, kurz alles was dazugehörte.

Es sei ein tolles Fest gewesen, an das sie immer noch gerne zurückdenke. Eine solche Hochzeit musste sie einfach einmal im Leben haben, egal wie sich die Sache nachher entwickele. Das Zusammenleben hätte dann schon nach sechs Monaten nicht mehr funktioniert.

Ein neues Automodell des XY-Konzerns soll vorgestellt werden. Die größte Halle des Landes wird gemietet, fünf Tage vorher arbeiten hundert Catering-Kräfte fieberhaft. Ein namhafter Maler wurde engagiert, der für ein hohes Honorar eine riesige Leinwand bemalte. Dieses Bild ist ein Opfer an das neue Modell: Indem es die Leinwand durchbricht, zerstört es das Kunstwerk, gefeiert von einer speziell komponierten und von einem berühmten Orchester gespielten Musik. Mehrere tausend Gäste, Freunde des Konzerns, Presse- und Medienvertreter, Großkunden sind geladen. Das Ereignis kostet einige Millionen, ist in wenigen Stunden vorbei, „rechnet” sich aber insofern, weil die Berichte über das Ereignis mehr Raum füllen, als die Hersteller-Firma für das gleiche Geld als Werbefläche kaufen könnte.

Michelangelo hat die Wände der Sixtina für einen der Ereignisträger seiner Zeit bemalt. Sein Werk hat sich bis heute erhalten und wird wahrscheinlich noch viele Jahrhunderte überdauern. Im Event-Zeitalter ist das undenkbar. Wir warten nicht mehr auf ein jüngstes Gericht am Ende der Geschichte. Jedes neue Modell sendet seine Vorgänger zur Hölle.

Anfang Mai 2006 wäre Sigmund Freud 150 Jahre alt geworden. Um diese Zeit sind die Medien voller Freud-Berichte, es erscheinen ungefähr zwanzig neue Biographien, „Spiegel” und „Stern” erscheinen mit fast identischen Titelbildern, in denen der bärtige, zigarrenbewehrte Forscher mit einer nackten Frau kombiniert wird. Jahrzehnte einer hämischen Berichterstattung, die in denselben Medien Freud als überholt, unwissenschaftlich, therapeutisch gegenüber Verhaltenstraining und Psychopharmaka völlig veraltet darstellte, sind wie nie gewesen. Er wird als Pionier gerühmt, hat die Sexualität befreit, die Therapie revolutioniert, die Hirnforschung vorausgeahnt. „Nach diesem Hype können Sie Freud für die nächsten Jahre vergessen”, erklärt der zuständige Redakteur einem freien Mitarbeiter, der zu diesem Jubiläum einen Artikel beigesteuert hat. „Da will niemand mehr etwas von ihm hören, so abgenudelt wie der ist!”

Autoren

Dr. Harald Pühl

Team-Supervision/-entwicklung und Organsationsberatung (u.a. Kliniken, Sucht, Psychiatrie, Verwaltung, Dienstleistung, Verbände, Kleinunternehmern) Coaching (Führungs- [...]

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